Forum Humanum

Normale Version: Ergebnisse und Hypothesen des BOKX - Selbständigkeit
Sie sehen gerade eine vereinfachte Darstellung unserer Inhalte. Normale Ansicht mit richtiger Formatierung.
Ein weiteres interessantes Ergebnis des BOKX lautet:
Selbständige finden mehr Sinn in ihrer Arbeit und erleben sich als kompetenter.

Warum ist das so? Worin liegt aus ihrer Sicht die Ursache?
Hallo Jaakko,
meine Erfahrung bei dem Thema "sich kompetenter fühlen" rührt aus meinem eigenen Umstieg in die Selbständigkeit. Im Gründungsjahr habe ich soviel (über mich) gelernt wie noch in keiner anderen Lebensphase bisher. Manchmal denke ich, ich habe das Arbeiten neu gelernt, da ich mich von Grund aus selbst organisieren, strukturieren und motivieren musste. Zudem wird einem im Unternehmen vieles (z.B. in Bezug auf Steuern & Co) abgenommen, was man sich als Selbständiger aneignen muss. Somit genügt es nicht in meinem eigentlichen Fachgebiet fit zu sein, auch in Markting, Vertrieb, Buchhaltung/Controlling, Strategie und Steuern sollte ich Knowhow mitbringen oder mir entsprechend aneignen. Aus diesem Grund denke ich dass Selbständige an der Stelle runder sind in Bezug auf die Kompetenz.

Das Thema "mehr Sinn erleben" hat glaube ich viel damit zu tun, dass ich selbst mehr bestimmen kann, in welche Richtung ich agiere und für welche Produkte und Dienstleistungen ich stehen möchte. Zudem ist der Sinn meiner Arbeit ein großer innerer Motivator. Und da mich als Selbständige niemand sonst motiviert (ok das ist bei Angestellten häufig auch so, nix gesagt is genug gelobt-Mentalität) brauche ich diesen inneren Antrieb um motiviert zu bleiben.

beste Grüße
Kristin Schwemmle
... und vielleicht hat es ja auch mit der Beobachtung zu tun, die schon Karl Marx zum (strukturellen) Konflikt von Arbeit und Kapital gemacht hat: "Entfremdung" als ökonomische, soziologische und auch psychologische Struktureigenschaft des Kapitalismus.
Das kann ich als selbständig Erwerbender natürlich auch haben. Der Verkauf meiner Arbeitskraft unterliegt ja der Vermittlung von Angebot und Nachfrage. Allerdings ist das Risiko der seelisch erlebten Abhängigkeit nicht ganz so gross und lässt daher mehr Platz für Sinnerleben.
... ich schreib das auch hierhin, da ich neulich in der Diskussion mit Personalern bedeutender Unternehmen feststellen musste, dass sie nicht nur Marx nicht gelesen haben, sondern nicht mal wissen, was seine wichtigsten Thesen sind. - Nicht gut, wenn die Personalarbeit hinter den Diskussionsstand der industrialisierten Gesellschaft zurückfällt: feudal-naive Personalarbeit sozusagen. Kein Wunder, wenn dann Sinnerleben mehr oder weniger ausbleibt oder höchstens als psychologisches Coping dem Alltagsfrust die Spitzen nimmt.

Herzlich, Michael Loebbert.
Referenz-URLs