Forum Humanum

Normale Version: Gesellschaftliches Werte-Management
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Einladung zum
„Gesellschaftlichen Werte-Management“

Prof. Dr. Bernd Fittkau
„Es gibt kein richtiges
Leben im falschen“
(Adorno)

„Krise als Chance“
Die aktuelle Finanzkrise erscheint als Spitze eines Eisberges, in dem sich unter der Oberfläche eine Reihe von weiteren gesellschaftlicher Krisen vereinigen: eine vielfaktorielle „ökologische Krise“, eine „Nord-Süd-/Arme-Reiche“-Krise, eine globale „Wachstumsabhängigkeits-Krise“ und eine „Werte-Krise“ – und alle diese Krisen hängen miteinander zusammen und verstärken sich gegenseitig. Ein brisantes Szenario, das die Politiker zunehmend unter Handlungsdruck bringt.

„Krisen sind Chancen zum Neubeginn“ – diese Einsicht, die im doppeldeutigen chinesischen Schriftzeichen für „Krise“ steckt, ist sicher mehr als ein optimistisch stimmendes Schlagwort, angesichts eines bedrohlichen Situation und Entwicklung. Es gibt auch im westlich geprägten Denken ähnliche erst zu nehmende Erkenntnisse dialektischer Natur, wie „Not macht erfinderisch“, „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“ (Hölderlin), das Wort „not-wendig“ meint, dass die aktuelle „Not“ zum Besseren  „ge-wendet“ werden sollte – und schließlich sind letztlich alle sozialen Rettungsdienste, Hilfsorganisationen und Systeme als komplementäre Gegenbewegungen und Balancierungsversuche zu gefährlichen sozialen Notsituationen entstanden.
Und diese sozialen Gegenpole bedingen sich gegenseitig und halten sich wechselseitig am Leben.: Die „Not“ sorgt für „soziale Hilfe“ und die „sozialen Hilfsorganisationen“ leben von der „Not“, z.B. ohne „innere Feinde“ gibt es keine Notwendigkeit von „Polizei etc.“ und ohne „äußere Feinde“ keine Notwendigkeit von „Militär etc.“ und ohne Kriege keine Notwendigkeit einer Waffenindustrie etc. etc. Aus dieser Art des dialektischen Denkens ergeben sich sofort brisante Hypothesen.
Die Folgen solcher gesellschaftlichen Dialektik spüren die Gewerkschaften genauso wie die Kirchen: In dem Maße, wie die soziale Notwendigkeit abnimmt, sich als solidarische Interessenvertretung oder Glaubensgemeinschaft gegen die „ausbeuterischen“ und „unchristlichen“ Lebens- und Arbeitsverhältnisse des Frühkapitalismus zusammen zu schließen, nehmen die Mitgliederzahlen in beiden großen sozialen Organisationen ab. Wie in vielen zurückliegenden Wahlkämpfen wird im kommenden vermutlich wieder stark auf den hier angesprochenen Werteraum („wirtschaftlich effizienter Eigennutz“ vs. „sozialer Ausgleich und Gemeinschaftsgeist“) fokussiert. Dabei könnte die eigentliche zukunftbestimmende Werteproblematik aus dem Blick geraten: „Wachstum“ vs. „ökologisch notwendiger Verzicht“ – oder attraktiver formuliert „Quantitatives Wachstum“ vs. „Qualitatives Wachstum“.
Fassen wir zusammen: „Krisen“ scheinen nützliche soziale „Wachmacher“ zu sein mit Inspirationspotential für notwendige Veränderungen. Diese soziale Komplementär-Dynamik hat das „forum humanum“ beflügelt und hat auch diesen von mir vorgeschlagenen Themenschwerpunkt ins Leben gerufen: „Gesellschaftliches Werte-Management“.

Einladung zum Mit-Denken und -Machen
Meinen hier eingestellter Artikel habe ich kürzlich bei http://www.active-books.de / junfermann veröffentlicht, mit dem Fokus auf „Dilemmata-Management“. Weil jede (Werte-)Ent-„scheidung“ – aus meiner Sicht – partiell fehlerbehaftet ist, denn ich trenne mich dabei auch von etwas Wertvollem. Nachzuvollziehen ist diese Sichtweise bei Entscheidungen, wo „der Bock zum Gärtner gemacht“ wird oder „der Teufel mit dem Beelzebub“ ausgetrieben werden soll oder wo es zu „faulen Kompromissen“ kommt oder wo die „Sozialsysteme als soziale Hängematte missbraucht“ oder „die Boni-Systeme zur persönlichen Bereicherung ausgebeutet“ werden.
Heißt das nun, wir sollten keine Entscheidungen mehr treffen, weil wir deren Nebenwirkungen nicht genau genug vorher sagen können? Natürlich nicht. Denn so wenig wir nicht nicht-kommunizieren können, so wenig können wir auch nicht nicht-entscheiden: Jede Nicht-Entscheidung schiebt diese „auf die lange Bank“ und ermöglicht in einer Art „Macht-Vacuum“, dass sich andere, vielleicht schlechtere Entscheidungsalternativen durchsetzen. Worum soll es also beim „gesellschaftlichen Werte-Management“ gehen?
(1) Das Bewusstsein dafür soll gestärkt werden, dass auch bei sog. „wertfreien“ Entscheidungen bestimmte Werte berührt, gefördert oder verletzt werden.
Ziel: Entwicklung eines disziplinenübergreifenden und interkulturell vermittelbaren und wenn möglich gültigen „Werte-Raumes“.
(2) Entscheidungen sollen in vollerem Bewusstsein möglicher Nebenwirkungen getroffen werden können.
Ziel: Entwicklung eines natur- und geisteswissenschaftlich verantwortbaren Entscheidungs-Raumes.
(3) Entscheidungen sollen verstärkt vor dem Hintergrund der bestehenden globalen Welt-Kulturgemeinschaft und der Realität, dass wir nur diese Welt mit ihren begrenzten Ressourcen zum Leben haben, getroffen werden können.
Ziel: Entwicklung von Kriterien und Werkzeugen für ökologisch, politisch und wirtschaftlich nachhaltige Entscheidungen.
(4) Es sollen Möglichkeiten und Wege diskutiert werden, wie in wirtschaftlichen und politischen Organisationen, deren Funktion und Kernkompetenz ja das Treffen von Entscheidungen  in einer Gesellschaft ist, diese Entscheidungen verstärkt in einen hinreichend differenzierten ethisch und moralischen Werte-Rahmen gestellt werden können und sollen. Damit das Geld als globaler Tauschwert  aus seiner zunehmend alles beherrschenden, „eindimensionalen“ Werte- und Orientierungs-Funktion für die Menschen wieder in seine sinnvolle Dienstleistungsfunktion zurück geführt werden kann, müssen andere, nicht käuflich erwerbbare soziale Wertesysteme zu attraktivem Leben erweckt werden, wie beispielsweise die „buddhistischen Tugenden“ von Mitgefühl-Liebe-Bescheidenheit-Glück.
Ziel: Entwicklung einer lebens-werten qualitativen Werte-Vision.
(5) Die politischen Parteien in demokratischen Gesellschaften bemühen sich,  mit ihren Werteschwerpunkten das Werte- und Interessenspektrum möglichst vieler Wähler abzudecken. Inwieweit ihnen das gelingt, wird versucht mit Hilfe von Meinungsbefragungen zu erkunden. In einer neueren Befragung zur Frage „Welcher Wert ist Ihnen am wichtigsten?“ ergab sich folgendes Ranking: 1. Gerechtigkeit (35%), 2. Toleranz (25%), 3. Freiheit (18%), 4. Nächstenliebe (11%), 5. Disziplin     (7 %) (chrismon 5/09). – Die Parteien sind bei ihren Aktivitäten abhängig von ihren Wählern und deshalb oft nicht bereit, notwendige unpopuläre Entscheidungen zu treffen, um ihre Wähler nicht zu enttäuschen. Aber ist es nicht die Pflicht von Regierenden, ihre Wähler zu „ent-täuschen“, also von Täuschungen und Illusionen zu befreien, besonders wenn diese Täuschungen gefährliche Folgen nach sich ziehen?!
Ziel: Entwicklung eines parteienübergreifenden Wertesystems, das allen Wählern vermittelbar ist, damit auch unpopuläre Entscheidungen breiten Wählergruppen angemessen vermittelbar werden.
(6) Ich möchte also einladen zu einer Diskussion mit Interessierten, weitere Felder gesellschaftlichen Wertemanagements zu benennen und mit Beispielen und Denkmodellen zu bereichern und kritisch zu beleuchten. Vielleicht gelingt es uns, hier im forum humanum zu dieser klassisch philosophischen Thematik einen für politische und wirtschaftliche Organisationen praktisch ver-wert-baren Beitrag zu leisten. Der Vorsitzende von „Denkwerk Zukunft“, Meinhard Miegel, hat dazu gerade in seinem Artikel „Die unerhörte Idee vom Ende des Wachstums“ (WaS, 10.05.09, S. 46), aufgefordert: „Auch unter Bedingungen wirtschaftlichen Stillstands und selbst Rückgangs müssen Arbeitsmarkt, soziale Sicherungssysteme, öffentliche Haushalte und freiheitliche Demokratie funktionieren. Wie dies möglich ist, muss jetzt erarbeitet werden“.
Ziel: Einladung zum Mit-Denken und –Machen.

Als Auftaktimpulse: Unser abendländischer Werte-Raum und interkulturell gültige Werte-Cluster („Signatur-Stärken“)
Neben meinem Artikel möchte ich zur weiteren Anregung noch zwei Modelle im Überblick anbieten, an denen ich mich bei Wertediskussionen gerne und mit Gewinn orientiere:
• Einmal das „soziale Raum-Zeit-Kontinuum“, das wir aus Riemanns Modell der „Grundformen der Angst“ (1978) abgeleitet haben und in dem sich die wesentlichen Grundbedürfnisse des Menschen spiegeln.
• Zum zweiten das von Martin Seligman im Rahmen der Positiven Psychologie vorgeschlagene Modell der interreligiös übereinstimmenden Werte-Bereiche, die im „VIA“ (Values in action)-Fragebogen konkretisiert werden („Der Glücksfaktor“ 2005). Diese Werte-Cluster lassen sich zwanglos in den obigen Werte-Raum projizieren, was für eine breite interkulturelle Gültigkeit obigen Werte-Raumes sprechen könnte.



Prof. Dr. Bernd Fittkau
Justus-Strandes-Weg 4
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Phone: 040-35 96 05 00
Fax  :  040-35 96 05 01
Handy: 0172  7423530
Mail : bernd.fittkau@t-online.de










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... uijuih, viel Text mit verschiedenen Gedankensträngen ineinander verwoben. Ein paar möchte ich für die weitere Diskussion kommentieren und festhalten.
1. "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." - Für die jüngeren Leser: Das Adorno Zitat wurde in der Regel dafür gebraucht, um darauf hinzuweisen, dass es nicht genügt sein eigenes Leben (moralisch) gut zu führen. Unsere individuelle Praxis ist in bestimmter Weise durch die gesellschaftliche Praxis geprägt. Man muss für ein erfülltes Leben auch das "System", die Gesellschaft mit ihrer Ungerechtigkeit und Falschheit, ändern. Das beinhaltet Aufforderung, sich politisch und sozial zu engagieren, sich für eine bessere Welt einzusetzen.
2. Der Zusammenhang von Werten und Entscheidungen. Mit Entscheidungen sind hier Präferenz- oder Vorzugswahlen gemeint, also eine mit bewussten und/oder auch unbewussten Gründen und Motiven ausgestattete Wahl einer Möglichkeit bzw. eines Handlungspfades. Viele dieser Vorzugswahlen, besonders die unbewussten, sind kulturell geprägt (wenn wir nicht gerade unmittelbar einer sinnlichen Reizleitung :-) unterliegen). Das ist, wir entscheiden so, wie wir es schon immer gemacht haben, was sich auch bewährt hat, manchmal über viele Generationen hinweg. Unter Werten ist hier also zunächst nicht eine moralphilosophische Perspektive angedeutet, sondern eine Beschreibung von kulturellen Mustern. In Bezug auf kulturelle Muster sind Werte so etwas wie Kernelement, Sauberkeit, Pünktlichkeit genau so wie Verteilungsgerechtigkeit (jedem das gleiche) und Wahrhaftigkeit. Jedenfalls solange ich nicht weiter darüber nachdenke, mach ich es eben so wie ich gestrickt bin.
3. Wertemanagement. Werte werden fraglich in ihrer Leistungsfähigkeit: Lieber Gesundheit als Sauberkeit? Lieber Verlässlichkeit als Pünktlichkeit? Lieber ausgleichende Gerechtigkeit und Glaubwürdigkeit? - Da geht es tatsächlich dann auch ein bissle in moralphilosophische Debatten. Der Punkt ist: wir können (kulturelle) Werte tatsächlich auch verändern und weiterentwickeln und tun das ja auch individuell, als Gesellschaften und auch als Unternehmen. Neue Werte erscheinen auf unserer Praxisagenda  prominent, wie "Nachhaltigkeit". Das heisst auch sowohl Gesellschaften als auch Unternehmen unterscheiden sich in der Leistungsfähigkeit ihrer kulturellen Werte, ihre Entscheidungen und damit ihre Praxis erfolgreich zu orientieren.

Die Aufforderung von Bernd Fittkau unterschreibe ich und möchte sie noch erweitern, Werte nicht nur gesellschaftlich bewusster anzugehen, sondern auch in Familien und besonders auch in Organisationen und Unternehmen. In der Regel können nämlich nur in diesen engeren Bezügen, Werte unmittelbar erlebt werden. Und das ist meist überzeugender als eher abstrakte Diskussionen, die ich persönlich natürlich auch sehr schätze. - Da bin ich schwer gespannt, wie wir den Bogen dazu auf der nächsten Forum Humanum Tagung hinbekommen.

Herzlichen Gruss von Michael Loebbert.
Lieber Michael Loebbert,

Danke für Ihre Konkretisierungs-Hinweise zu meinem Werte-Management-Ansatz. Ja, das Thema ist komplex und wir brauchen konkretisierende Beispiele. Manchmal wird mir ein wenig schwindlig, weil mein Kopf dafür zu klein scheint. Deshalb brauche ich die Köpfe von anderen, um es besser verstehen zu können. Ich bin ja kein Experte für dieses Thema, wie es etwa Vertreter für das Thema "Politik und Ethik" (z.B. Julian Nida-Rümelin) sind oder auch Compliance-Manager großer Unternehmen. Sondern ich bin ein generalistisch aufgestellter Psychologe und Führungskräfte-Coach/ -Trainer, den die aktuelle Wirtschaftskrise aufgerüttelt hat: Was kann ich tun, um einen vernünftigen Beitrag zu leisten?

Aufklärungs-Tradition
Ich fühle mich der Tradition der Aufklärung verpflichtet. D.h. Ich glaube an die Kraft der Vernunft (als Wechselspiel von rationalen, emotionalen und intuitiv-organismischen Informations- und Entscheidungsprozessen) im Verlauf der Zivilisations-Entwicklung. Oder mit Habermas' mahnenden Hinweis: "Ein Sündenfall ist es, wenn Machtverhältnisse über Sprachverhältnisse siegen – wenn die "Freigelassenen der Schöpfung" nicht die Verständigung wählen, sondern wie so oft in der Geschichte, die Gewalt".

Entwicklung eines nützlichen Denk- und Handlungs-Werkzeugs für "wert-volle" Entscheidungen
Aus meiner langjährigen Zusammenarbeit mit Friedemann Schulz von Thun (der das "Werte-Quadrat" des Philosophen P. Helwig in seinen Büchern weiter verbreitet hat) und Christoph Thomann (der aus Fritz Riemanns Persönlichkeitsmodell ein bipolares Kreuz-Modell der Persönlichkeit konstruiert hat) und meiner Beschäftigung mit dem dialektisch-komplementären "Yin-Yang-Denkmodell habe ich das Modell eines "Sozialen Raum-Zeit-Werte -Kontinuums" entwickelt. Mit Hilfe dieses Modells lassen sich relativ komplexe Wertezusammenhänge einfach darstellen und die meisten Menschen  können sich intuitiv schnell einfühlen. Und es scheint eine interkulturelle Gültigkeit zu besitzen. Dieses Modell hat also die Funktion eines breit nutzbaren Denk- und Handlungs-Werkzeug für den Umgang mit wertbestimmenden Entscheidungen.

Konzeptionelle Validierung und Alltagstauglichkeit
Worum ich mich bisher bemüht habe, war die "konzeptionelle Validierung" dieses Modells, was ja naturgemäß recht abstrakt bleibt. Das scheint mir ganz gut gelungen. Und findet seinen Niederschlag in obigen Artikeln. Das verfolge ich weiter (siehe Anhang zur "Nachhaltigkeit"). – Nun brauchen wir eine "Alltagstauglichkeits-Validierung" mit Hilfe von praktischen Beispielen aus möglichst vielen Lebensbereichen. Daraus ergeben sich dann Möglichkeiten, Grenzen und Geltungsbereiche des Modells und Weiterentwicklungs- Herausforderungen.  Wir können uns hier im forum humanum schwerpunktmäßig auf konkretisierende Beispiele aus dem Feld der Profit- und Nonprofit-Organisationen fokussieren. Für die nächste Tagung vornehmlich mit konkreten Beispielen zur Förderung von "Nachhaltigkeit". –  Wiewohl meine Erfahrung sagt, dass gerade Beispiele aus dem stark emotional gefärbten Feldern von Eigenentwicklung und Partnerschaft zum besseren Verständnis von Modellen besonders gut geeignet sind. Vorschlag: Anything goes.

Vernünftige, nachhaltig tragfähige Entscheidungen
Kann das vorgestellte Werte-Management-Modell diesen hohen Anspruch unterstützen, zu nachhaltig wirksamen Entscheidungen beiszutragen? Ich habe Hoffnungen. Denn das Modell erscheint nicht nur plausibel, allgemeinverständlich und konzeptionell kompatibel mit vielen für Entscheidungen relevanten Realitätsvorstellungen, sondern kann die Überlegenheitsprinzipien von demokratischen Gesellschaftssystemen unterstützen: (1) Es kann "Die Weisheit der Vielen" mit ihrem Ausgleich von Extremen weiter entwickeln und (2) es fördert das "Balance of Power"-Prinzip, also die Wirksamkeit und Wertschätzung einer Opposition, einer Gegenbewegung zum Werteschwerpunkt der herrschenden Parteien.
• Hier bietet sich eine Aufgabenstellung zur Modell-Konkretisierung für parteipolitische Entscheidungsprozesse an: Welche unterschiedlichen "Wertegebiete im sozialen Raum-Zeit-Kontinuum" decken die fünf großen Parteien Deutschlands schwerpunktmäßig (mit ihren Programmen) ab? Und welche nachhaltigkeits-fördernden Gegenbewegungen müsste die im Herbst zu bildende Koalition mitdenken und in ihren Entscheidungen berücksichtigen?)

Freiwilliger Verzicht
Aus meiner Sicht geht es heute gesellschafts-politisch um die Frage: "Wie können die materiell "reichen Menschen" auf unserer Welt zum freiwilligen Verzicht bewegt werden und die "armen Menschen" dazu, nicht blind den Reichen zu folgen?" In der Vergangenheit wurden die Menschen immer wieder zum Verzicht gezwungen, meist mit den Mitteln der Gewalt, namentlich mit denen des Krieges. Ob das "Mittel" der Wirtschaftskrise ein brauchbareres Instrument für Verzicht werden kann, muss bezweifelt werden. Denn alle Konzepte zur Bewältigung der Krise setzen primär auf Wachstum, also auf das Werte-Prinzip, das zur Krise geführt hat. "Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben" hat meines Wissens nie funktioniert. – Natürlich leuchtet es ein, dass es in einem materiell begrenzten Weltsystem natürliche "Grenzen des Wachstums" gibt, also "Verzicht" eine notwendige Zukunfts-Tugend sein wird. Aber wer fängt damit an, wenn die Faszination von Wachstum ungleich reizvoller erscheint als Verzicht?! Der zeitweilige Ausstieg aus der Dynamik der Aufrüstungs-Spirale war möglicherweise einfach gegen den notwendigen Ausstieg aus der Wachstumsspirale. Aber nichts ist unmöglich!
• Kann das "Werte-Modell" helfen? Erst einmal kann mit Hilfe des Modells differenziert werden, dass es bei "Verzicht" nicht um "Nähe-Verzicht", sondern um einen "Distanz-Wechsel-Verzicht" geht, also wesentlich "materielles Wachstum". "Verzicht" ist ein "Defensiv-Wert", im Unterschied zu "Wachstum" als "Offensiv-Wert". Dann würde das Modell die Chancen für eine Präferenz-Erhöhung für "Verzicht" durch Kopplung an einen verträglichen "Offensiv-Wert", z.B. "qualitatives Nähe-Wachstum" (hier kann jeder seine wünschenswerten Nähe-Wachstums-Wünsche wählen) nahe legen. – So oder ähnlich kann das Modell gedacht und genutzt werden.

Weitere Beispiele zur Nutzung des Werte-Modell aus unserem Alltag:
• Ich mach mich mal an ein Beispiel aus dem Feld Partnerschaft/Familie: "Entscheidung für Schwangerschaft und Kind" – eine "Nähe-Dauer"-Werte -Entscheidung.
• Vielleicht können Sie oder ein anderer Interessierter ein Beispiel für "Nachhaltigkeit" (eine "Dauer-Distanz"-Werte-Entscheidung) aus dem betrieblichen Alltag beisteuern.
An beiden Beispielen können wir dann den Nutzen des Modells überprüfen. Ich bin neugierig.

Soviel für heute.

Herzliche Grüße aus dem sehr sommerlichen Hamburg
Bernd Fittkau
Prof. Dr. Bernd Fittkau, Hamburg

Werte-Management … – Konkretisierungen

(1) Vor der Wahl …
Werte-Management soll helfen, Entscheidungen ¬– also auch politische Wahlentscheidungen – transparenter, begründbarer, systematischer, Werkzeug“-unterstützter, kommunizierbarer, objektivierbarer …, also „vernünftiger“ machen. Hilft das vorgeschlagene Wertesystem (siehe die entsprechenden Beiträge im forum humanum) diese Zielsetzung zu unterstützen?
„Lagerwahl-“ und Emotionalisierungs-Tendenzen
Wenn wir die Tendenzen (der CDU und FDP) zu einem Lagerwahlkampf ernst nehmen, würde die Wahl-Alternative: „Schwarz“-„Schwarz“-„Gelb“ gegen den Rest (im wesentlichen „Rot“-„Grün“-„Rot“) heißen. Wobei dieses Lager deutlich stärker gespalten ist, als das erstere; auf diesen Wert der relativen „Einigkeit“ und „Harmonie“ setzt „Schwarz-Gelb“ gegenüber der „Rot-Roten“-Uneinigkeit. Und es ist nicht unwahrscheinlich, dass dieser (gefühlte) „Einigkeits“-Wert gegenüber dem „Diversitäts“-Wert von „Rot“-„Grün“-„Rot“ mit Konfliktpotential siegen wird – besonders in einer Zeit, die durch Zukunfts-Unsicherheit geprägt ist.
Mehr Entscheidungs-Rationalität durch „Werte-Management“
Klar, Menschen entscheiden oft irrational – und das sogar vorraussehbar (siehe die aktuelle Gier-Spirale; Ariely: „Denken hilft zwar, nützt aber nichts“, 2008). Mit dem Werte-Management-Modell möchte ich auch die Hoffnung unterstützen, dass andere, weniger „todsünden-gefährdete“ (siehe Ernst: „Wie uns der Teufel reitet“, 2006), Entscheidungsprozesse möglich sind. Die deutsche Wiedervereinigung ist ein aktuelles und gutes Beispiel, dass Interessen-Ausgleichs-Prozesse auf Staatenebene auch durch Verhandlungslösungen unterhalb der Schwelle der Gewalteskalation (kriegerisch mit Waffengewalt) möglich sind.
Unsere Thesen zur Rationalisierung von Wahl-Entscheidungen durch Werte-Management

(1) Werte-Modell als „Soziales Raum-Zeit-Kontinuum“
Kernstück unseres Werte-Management-Systems ist das Werte-Modell als „Soziales Raum-Zeit-Kontinuum“ mit den beiden bipolaren, existentiellen Dimensionen:         (a) „Soziale Raum-Dimension“: NÄHE-DISTANZ (Zugehörigkeit-Autonomie, Kommunitarismus-Individualismus, Personenorientierung-Aufgabenorientierung, Liebe-Trennung, „Leben ist liebender Kampf“, etc.).                                                   (b) Die „Soziale Zeit-Dimension“: DAUER-WECHSEL (Tradition-Fortschritt, Sicherheit-Offenheit für Neues, Bewährtes-Innovatives, „Erbsenzähler“-„Chaoten“, „Nichts ist so konstant wie der Wandel“, etc.).
In diesen zweidimensionalen Werteraum lassen sich die Mehrzahl aller Lebenssituationen wertorientiert abbilden, also auf relativ einfache Weise strukturiert darstellen. Insbesondere lassen sich die Werte-/Tugenden-Systeme der meisten menschlichen Kulturen recht gut in diesem Wertemodell verorten (siehe die folgende Folie „Werteraum & Signaturstärken“). Damit lassen sich Hypothesen ableiten, mit welchen Verhaltens-„Tugenden“ sich welche Lebenssituationen vermutlich nachhaltig positiv bewältigen lassen – wenn wir davon ausgehen, dass in den tradierten „Tugenden“ positives Erfahrungswissen gesellschaftlich fokussiert wurde.


(2) Balance-Theorem
Entscheidungen, die zu einer besseren Balance innerhalb dieses Wertemodells führen, haben die Chance nachhaltig positive Lebensprozesse zu unterstützen. Entscheidungen dagegen, die zu einer stärkeren Vereinseitigung innerhalb des Wertemodells beitragen, erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass das betroffene Sozialsystem „aus der Balance gerät“ und „entartet“ (z.B. in Richtung von „Todsünden“-Eskalationen; siehe Ernst 2006). Die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise bietet hierfür ein anschauliches Beispiel. Ein anderes aktuelles Beispiel für die Unterlegenheit von Sozialsystemen mit Wertevereinseitigung sind die untergehenden Planwirtschaften, die den DAUER-DISTANZ-Pol unter Vernachlässigung des WECHSEL-Pols überbetont haben und dadurch erstarrt sind.
Beispiele für die nachhaltige Überlegenheit von balancierten Sozialsystemen gibt es reichlich aus der Geschichte: • Demokratien als ein Balanceversuch zwischen politisch Herrschenden und Volk scheint das beste aller schlechten politischen Systeme. • Die „soziale Marktwirtschaft“ der BRD versucht den freien Wettbewerb (DISTANZ-WECHSEL-Wert) mit der sozialen Absicherung der Verlierer/Opfer dieses Wettbewerbs (DAUER-NÄHE-Wert) und ist damit eines der erfolgreichsten Wirtschaftssysteme der Welt geworden. Allerdings müssen die Verlierer wieder angeregt werden, sich nicht in der DAUER-NÄHE hängen zu lassen („Soziale Hängematte“), sondern sich wieder in eine neue Balance-Richtung (z.B. WECHSEL-NÄHE, wie Netzwerke) zu bewegen. Hier scheinen mir die Parteien zu stark in ihren traditionellen Werte-Heimatgebieten fixiert zu sein und zu wenig die Prozesse zu Ende zu denken. • Die Trennung von Exekutive (DISTANZ-Wert) und Legislative (DAUER-Wert) für ein politisches Balance of Power-System. • Die Trennung von Aufsichtsrat und Vorstand –  die heute allerdings an vielen Stellen nicht mehr balancierend, sondern einseitig „entartend“ funktioniert, wegen der zu engen persönlichen, manchmal schon „maffiös“ anmutenden Loyalitätsbindungen (NÄHE-DAUER-Übergewicht). Hier müssen deshalb die politischen Rahmenbedingungen für eine neue funktionale Balance sorgen. Die Ablehnung staatlicher Eingriffe an dieser Stelle spricht für gefährliches Unwissen oder Ignoranz. – Diese Beispiele ließen sich fortsetzen.

(3) Politische Wahlen sind Neu-Balancierungs-Entscheidungen des Volkes
Wahlen geben den Menschen in einem Land die Möglichkeit, neue Balancen im politischen System zu schaffen, damit ihre Interessen (a) für die eigene positive Lebensentwicklung und (b) für nachhaltig wertvolle Entwicklungen des politisch-sozialen und ökologischen Umfeldes sich leichter verwirklichen lassen.
Wo gibt es in unserer Gesellschaft Neu-Balancierungs-Bedarf? Ich sehe hier mindestens drei Felder – aber hier hat jeder seine eigenen Präferenzen. Vorweg schicken möchte ich: Die BRD hat in den letzten 60 Jahren eine beispiellose Erfolgsstory geschrieben – auch aufgrund der klug balancierten Wahlentscheidungen des Volkes für wechselnde Parteien und Koalitionen mit unterschiedlichen Werteschwerpunkten. Nun zum Veränderungsbedarf:
(1) Unsere Gesellschaft hat eine Phase der Deregulierung (WECHSEL-Wert) hinter sich, um sich dem globalisierten Wettbewerb erfolgreicher stellen zu können. Das scheint in hohem Maße gelungen („Exportweltmeisterschaft“ ist verteidigt worden). Das hat aber auch zur Finanzkrise beigetragen und die Konsumfixierung (DISTANZ-Wert) und Ressourcenausbeutung (WECHSEL-Wert) beflügelt. Deshalb stehen nach unserem Werte-Management-System jetzt Entscheidungen für eine Balance-Veränderung in Richtung Re-Regulierung (DAUER-Wert) an
(2) Die Schere zwischen „Arm“ und „Reich“, „Gebildeten“ und „Ungebildeten“ wird national und international größer (eine NÄHE-DAUER- vs. DISTANZ-WECHSEL-Differenz ). Solche Ungleichheiten haben in der Geschichte über kurz oder lang immer zu sozialen Spannungen geführt, die sich dann mehr oder weniger gewaltsam in Bürgerkriegen entladen haben oder über Kriege entladen wurden. Hier können und müssen wir aus der Geschichte lernen. – Welche Parteien können  diese Kluft am erfolgreichsten verringern und für einen notwendigen Interesseausgleich sorgen?
(3) Die zunehmende Fixierung auf das „Geld“ als Hauptwert des Lebens und starker Konsumausrichtung und die Abkopplung vieler Top-Management-Einkommen von ihrer Leistung (DISTANZ-Werte-Entartung) führt zu einer Vernachlässigung der zwischenmenschlichen Werte (wie Vertrauen, Freundschaft, Verständigung, Wertschätzung etc. – NÄHE-Werte) und zu einer Aushöhlung unseres Leistungssystems, das für den zentralen und verbindenden sozialen Grundwert von Gemeinschaften steht, nämlich Gerechtigkeit und Fairness (DAUER-Werte). – Welche Partei oder welche Parteien-Konstellation kann am ehesten für einen entsprechenden Wertewandel eintreten?
(4) Erste Antworten: Die Wahlprogramme und Wahlplakate der Parteien
Natürlich weiß jeder, dass die Versprechen vor der Wahl nach der Wahl nicht eins zu eins eingelöst werden und mit mehr oder weniger guten Gründen teilweise wieder eingesammelt bzw. vertagt werden. Aber Politiker wissen auch, dass der Wert des Versprechens auch für seine politische Zukunft hoch ist, denn damit steht und fällt seine Glaubwürdigkeit. Für eine grobe Werteinschätzung sollen uns die Wahlplakate der Parteien ausreichen:
• CDU/CSU: „Wir haben die Kraft…“ – „…für Wirtschaft mit Vernunft“ – „Starke                Familien“ – „Sicherheit und Freiheit“
• SPD: „Weil Arbeit faire Löhne braucht“ – „Weil gute kostenlose Bildung ein Recht ist“ – „Weil Gesundheit kein Luxusprodukt werden darf“ – „Weil Wirtschaft Maß und klare Regeln braucht“
• FDP: „Freiheit stärken, Bürgerrechte schützen“ – Mehr Netto vom Brutto“ – Arbeit muss sich wieder lohnen“ – „Bildung ist Bürgerrecht“
• Grüne: „Schwarz-Gelb  Nein Danke!“ – „1 Million neue Jobs  Green Deal vereint Wirtschaft und Umwelt“ – „Mal richtig abschalten – Absage an die Atomlobby“ – „Deine Daten gehören Dir  Datenschutz ist Bürgerrecht“
• Linke: „Hartz IV abwählen!“ – „Mindestlohn gerade jetzt!“ – „Reichtum besteuern“ – „Raus aus Afghanistan!“ – „Gegen die Rente ab 67!“
Jeder Partei lässt sich ein bestimmtes Wertefeld zuordnen, das breiter oder enger ist und einen bestimmten Schwerpunkt  hat und mehr programmorientiert oder protestorientiert ausgerichtet ist. Zu Protestaussagen: Bei der Wertanalyse wird sofort klar: Man weiß noch nicht viel darüber, was sein soll, wenn man weiß, was nicht sein soll. – Eine genauere Wertanalyse der einzelnen Parteien überlasse ich den Lesern und ihrer Intuition. Ich hoffe, dass diese Überlegungen zu einer größeren inneren Distanzierung von emotional-dominierten Urteilen und Vorurteilen führen können. Wir können relativ sicher sein, dass wir nach der Wahl die Regierung bekommen, die wir verdient haben.
              
Soweit mein Konkretisierungsversuch des Werte-Management-Systems am Beispiel der vor uns liegenden Bundestagswahl 2009 – aus dem Lebensfeld „Politisches Umfeld“. Mein nächster Konkretisierungsversuch wird sich , wie angekündigt, auf das Lebensfeld „Familie“ mit der Entscheidung „Kind ja – aber was dann?“ beziehen.

  1) Vielleicht erscheint dem einen oder anderen diese Werte-Einschätzung recht willkürlich und subjektiv. Stimmt: „Subjektiv“ : ja – „willkürlich“: hier fließt mein intuitives Wissen der wirksamen sozialen Feldkräfte ein – in etwa vergleichbar mit der sozialen Validität, wie sie Experten von sozialen Systemaufstellungen einbringen. Durch einen Dialog mit Interessierten  lässt sich die Validität solcher Werteinschätzungen meist erhöhen und plausibilisieren.
Prof. Dr. Bernd Fittkau, Hamburg

Werte-Management … – Konkretisierungen:      Noch 3 Tage bis zur „Richtungs-Wahl“

„Freiheit-Gleichheit-Brüderlichkeit“ – erfolgreiche Grundpfeiler unserer europäischen politischen Kultur
Mit obigem werte-politischem Dreiklang haben wir in Europa eine politische Kultur geschaffen, die außerordentlich erfolgreiche gesellschaftliche Entwicklungen ermöglicht hat: Hoher Lebensstandard, relative soziale und rechtliche Sicherheit, hohes wissenschaftliches und kulturelles Niveau etc. Dabei scheint das Erfolgsgeheimnis nicht in einem dieser drei Wertausrichtungen zu liegen, sondern in der spannungsgetragenen, dynamischen Balance des Gesamtsystems. (Die Folie „Gesellschaftliches Balance-System der europäischen Aufklärung – als Rahmen für psychische Gesundheit und die Vermeidung von Krisen“ fasst diese Grundlagen unserer politischen Kultur zusammen).
Dabei haben diese  drei Wertbegriffe eher eine Metaphern-Funktion:
• „Freiheit“ meint Entfaltungs- und Entwicklungs-Möglichkeiten für den Einzelnen, das Recht auf freie Meinungsäußerung, Religionszugehörigkeit, Berufswahl, freie Marktwirtschaft, freier Wille, Eigentumsrechte, Selbstbestimmungsrechte, Liberalismus etc.
• „Gleichheit“ meint Gleichheit vor dem Gesetz, gleiche Bildungschancen, gleiche Würde aller, Verteilungsgerechtigkeit, Gleichberechtigung, soziale Gerechtigkeit etc.
• „Brüderlichkeit“ meint Solidarität mit den sozial Schwächeren, Solidarbeiträge, Generationenvertrag, Barmherzigkeit, Kooperation, Hilfsbereitschaft, Versöhnung etc.

Wenn die Balance eines solchen Systems gestört wird durch vereinseitigende Überbetonung („Entartung“) eines dieser Werte, gerät es in eine Krise, verliert es seine „Nachhaltigkeit“ und wird schließlich in seiner Existenz bedroht. Historische Beispiele sind in dem Buch „Kollaps – Warum Gesellschaften überleben oder untergehen“ (Diamond 2005) anschaulich beschrieben.

• Das aktuellste Beispiel auf der großen politischen Bühne sind die sozialistischen Systeme der Neuzeit, die das „Gleichheits-Prinzip“ (mit den typischen Macht-Begleitwerten „Zentralismus“ und „Kontrolle“) überbetont haben – zulasten der „Freiheit“. Sie haben damit ihre gesellschaftliche Leistungsfähigkeit so stark behindert, dass sie den Leistungs-„Wettbewerb der Systeme“ verloren haben.
Bei dieser Art der Analyse wird häufig unterschlagen, dass nicht „die freie Marktwirtschaft“ gesiegt hat, sondern die „soziale Marktwirtschaft“, also ein wirtschaftliches Balance-System der Freiheits-Faktoren „Markt und Wettbewerb“ (DISTANZ-WECHSEL-Werte) mit den sozialen Gegen-Werten von „Brüderlichkeit und Gleichheit“ in Form der „staatlichen Sozialleistungen“ (NÄHE-DAUER-Wert) als „Solidaritäts“-Leistung der Gemeinschaft für die „Wettbewerbs-Verlierer“, die „Opfer der Freiheit“ und der gesetzlichen Gleichbehandlung der Schwächeren. Freie Marktwirtschaften und die meisten Arbeitnehmer würden nämlich ohne soziale Regulative, wie Anti-Kartell-Gesetze, Anti-Korruptions-Gesetze, Meinungs-Freiheits-Gesetze und ähnlichen wettbewerbserhaltenden Rahmenspielregeln und dem gesetzlichen Schutz der Würde des Menschen, sehr schnell ¬– wegen der systemischen „Pareto-Konzentration“ – ihre Freiheit verlieren und zu einer Wirtschaftsdiktatur der Wettbewerbs-„Sieger“ (Monopolisten) und degenerieren. Tendenzen dazu lassen sich an vielen Stellen ablesen.

• Soziale Systeme, die den Wert der „Brüderlichkeit“ überbetonen (zulasten der individuellen Freiheit, z.B. in Familien), geraten schnell in die Gefahr, durch ihre „Harmonie- und Loyalitäts-Diktatur“ die Unterschiede zwischen ihren Mitgliedern einzuschränken und ihre lebendig-kreativen Entwicklungs-Potentiale zu ersticken.

• Die Überbetonung des „Freiheits-Prinzips“ – zulasten der „Gleichheit“ und „Brüderlichkeit“ führt zu einer egoistischen Einzelkämpfer-Gesellschaft mit steigender Kluft zwischen „Arm“ und „Reich“, dem Zerfall in sich verselbständigende Machtkartelle und krimineller Vereinigungen. Diese können eine solche dezentralen Machtfülle erreichen, dass sie die staatliche Zentralmacht daran hindern können, die für die Gemeinwohl-Balance nötigen Entscheidungen durchzusetzen. – Die aktuelle Finanzkrise weist in diese Richtung:

„Ein Jahr danach …“
In der aktuellen Spiegel-Analyse über die Lerneffekte aus der Finanzkrise des letzten Jahres wird die Frage gestellt: „Haben sie (die großen Bankhäuser) aus der Krise gelernt?“ Die Antwort: „Sie haben gelernt, aber die falsche Lektion … Der Staat wird keinen mehr fallenlassen, … der eine Größe erreicht hat, die als „systemisches Risiko“ (entarteter DISTANZ-WECHSEL-Wert) gilt. Diese Erkenntnis ist für die Großbanken wie eine Lebensversicherung (DAUER-Wert), zugleich aber auch eine Ermunterung zum Leichtsinn (entarteter WECHSEL-Wert). „Moral hazard“ (= Anreiz zu rücksichtlosem Verhalten, weil es nicht bestraft wird) nennen das die Experten, weil sich plötzlich derjenige rational verhält, der hohe Risiken eingeht. Der Gewinn ist immer der Gewinn der Bank. Existenzbedrohende  Verluste aber werden von der Staatskasse beglichen. … Die Krise hat die Großen größer gemacht … „Alles, was zu groß ist bankrottzugehen, ist zu groß (entarteter DAUER-Wert)“ “.

„Wir brauchen strengere Regeln, um unsere Gier zu zähmen“
In einem Interview weist auch der Chef der IWF auf notwendige Korrekturen zur Eingrenzung der Finanzkrise hin: „Das Bild von der Naturkatastrophe (Chef von Goldman-Sachs: „Gegen einen perfekten Sturm kann man sich nicht schützen“) passt nicht. Die menschliche Gesellschaft ist keine Naturgewalt. Diese Finanzkrise ist zwar eine Katastrophe, aber sie wurde von Menschenhand verursacht. Die Lektion, die es für uns alle zu lernen gilt, ist die: Selbst die Marktwirtschaft (DISTANZ-WECHSEL-Wert) braucht Regeln (DAUER-Wert), sonst kann sie nicht funktionieren …

Vor der Wahl:
Welche Partei oder Parteien-Konstellation mit ihren politischen Vertretern dürfte am ehesten in der Lage sein, für eine wirksame Neubalancierung der Finanzmärkte und der Weltwirtschaftssysteme durch internationale Regulierung zu sorgen? Dies könnte eine wichtige, wahl-entscheidende Frage sein.
Prof. Dr. Bernd Fittkau, Hamburg

Werte-Management … – Konkretisierungen (2)

„Kind ja – aber was dann?“

(1)Nach der Wahl … ist vor der Wahl (Nachklänge zum 1. Konkretisierungsversuch)

„Schwarz-Gelb“ hat die Wahl gewonnen – nicht ganz überraschend (siehe auch mein Beitrag „Vor der Wahl … „Lagerwahl“ und Emotionalisierungstendenzen“) . Damit hat sich der gesellschaftliche Werteschwerpunkt unseres Wertemodells in Richtung DISTANZ-WECHSEL verschoben. Wir können neugierig sein, wie es der neuen Regierung gelingt, die aktuellen gesellschaftspolitischen Herausforderungen, wie die  nachhaltige Regulierung der Finanzsysteme und die Neubalancierung der Weltwirtschaft, der Ökosysteme, des Arbeitsmarktes etc. gelingt. – Wo müssen die Parteien „über ihren Schatten springen“, genauer: sich für ihren eigenen „Schatten“ öffnen? Wie jüngst die SPD mit der „Agenda 2010“, wo sie aus Gründen der globalen Wettbewerbsfähigkeit gegen ihre soziale Programmatik verstoßen hat (musste?). Vermutlich muss sich jetzt die FDP als Spezial-Vertreterin des liberalen Wertespektrums aus Gründen der „Staatsräson“ ihrem typischen „Schatten“ öffnen: Sie muss sich dafür einsetzen, dass die eskalative Gier der Marktkräfte durch notwendige Regularien in vernünftige Bahnen gelenkt wird und bei Grenzüberschreitungen auch ihren eigenen Stammwählern „Gelbe“ und im Wiederholungsfall „Rote Karten“ gezeigt werden. Zudem muss sie mit dafür sorgen, dass sich die soziale Kluft zwischen Arm und Reich nicht noch weiter öffnet. Dabei klingt für mich die Idee eines „Bürgergeldes“ (im Geiste von Götz Werner, dem „dm“-Gründer) anstelle von „Hartz IV“ ermutigend, wenn damit mehr als ein sozial klingender Marketingtrick gemeint ist.

Wir brauchen mehr „Wachstum“ – aber nicht im Materiellen, sondern im Geistig-Seelischen und Sozialen!

„Treffen sich zwei Planeten. „Wie geht's ?“, fragt der eine Planet.
„Schlecht“, antwortet der andere, „ich habe Menschen“.
„Das geht vorbei: Ich hatte auch welche“

Keine unserer Parteien hat sich bisher dazu durchgerungen, dem Fetisch „Wachstum“ den Kampf anzusagen bzw. das Wachstum dorthin zu lenken, wo es die Lebensqualität und nachhaltige Überlebensfähigkeit des Menschen unterstützt. Dabei leben wir auf einem Planeten mit begrenzten materiellen Ressourcen. Schon 1972 hat der Club of Rome mit seinen „Grenzen des Wachstums“ auf diese Grundtatsache hingewiesen. Es geht dabei nicht nur darum, praktikable Wege der Selbstbegrenzung zu entwickeln und zu erproben, sondern gleichzeitig die Ressourcenverteilung auf dem Planeten gerechter zu gestalten. Deutschland hat mit der Wiedervereinigung ein solches Beispiel vorgelebt, Europa ist mit der Integration ihrer Randstaaten auf einem guten Weg zu einer verbesserten Verteilungsgerechtigkeit. Ich möchte hier auf die verdienstvolle Initiative des Club of Rome-Mitgliedes Franz-Josef Radermacher verweisen mit seinem Konzept eines „Globalen Marshall-Plans“. Damit ein solcher Plan an Attraktivität gewinnen kann, sollte (gemäß unseres Werte-Management-Modells) die notwendige Selbstbescheidung und staatliche Grenzziehung im Materiellen (DAUER-DISTANZ-Wert) bei den „Reichen“ (Nationen und Individuen) kompensiert werden durch alternative und attraktive Wachstums-Angebote im Geistig-Seelischen und Sozialen (WECHSEL-NÄHE-Werte). Dies ist allerdings ein eigenes Thema.
Damit möchte ich mit meinem Werte-Modell die politische Bühne verlassen und ein ganz anderes Konkretisierungsfeld aufsuchen: die Familie.

(2)Mein zweiter Konkretisierungsversuch des Werte-Managements:
„Kind ja – aber was dann?“

„Die erste Hälfte unseres Lebens wird von den Eltern ruiniert,
die zweite von den Kindern“ (Clarence Darrow)

Warum gerade dieses Thema? Drei Gründe: 1. Dieses Entscheidungsfeld ist für die meisten Menschen viel hautnäher als politische Wahlen, und es ist gleichzeitig ein gesellschaftlich aktuelles Thema, wie zwei kürzlich aufgesammelte Zeitungsüberschriften zeigen: „Frauen üben für Kinder Verzicht“ (Befragung der Zeitschrift „Brigitte“) oder „Konsum oder Kind ist keine Alternative mehr“ (Zukunftsforscher Opaschowski zur „Generation 30“). 2. Das steigende Bevölkerungs-Wachstum auf der Erde ist ein grundlegender Motor der Ressourcenausbeutung durch den Menschen – und bedarf zukünftig einer globalen Regulierung. 3. Ich als Mann brauche in diesem „Frauen-Thema“ – Frauen werden durch Kinder viel direkter existentiell berührt – Nachhilfeunterricht. Eine verstärkte Beschäftigung mit komplementären Themen legt zudem unser Werte-Management-Modell nahe.
Zur Erinnerung möchte ich an dieser Stelle das von mir vorgeschlagene Werte-Management-System („Soziales Raum-Zeit-Kontinuum“) durch die psychischen Grundbedürfnisse konkretisieren, wie sie uns von der modernen Therapieforschung als heilungsrelevant nahegelegt (siehe Grawe: „Neuropsychotherapie“, 2004, S. 183 ff.) und von der Neurobiologie geteilt werden (Hüther) –

---> siehe angehängte PDF-Datei (hier einfügen).

„Ich möchte ein Kind“

Viele Frauen erleben einen solchen Wunsch wie ein starkes inneres Bedürfnis und erleben es als ein großes Defizit und leiden darunter, wenn sich dieser Kinderwunsch nicht erfüllt. Sollte man ein solches naturgegebenen Bedürfnis durch rationale Erwägungen und Begründungen zu überformen versuchen? Ich meine: Ja.
Meine strukturellen Argumente: (1) Durch die Entwicklung von Verhütungsmitteln hat sich der Mensch die Möglichkeit geschaffen zu steuern, wann er die Verantwortung für die Aufzucht von wie vielen Kindern übernehmen will, was ihn bekanntlich ja recht nachhaltig (bis zu 25 Jahren) bindet. Dabei ist die Frau deutlich stärker betroffen als der Mann. Wenn sie sich dem triebhaften Kreislauf der Natur anvertrauen und unterwerfen will, hat sie immer die Freiheit, auf Verhütung zu verzichten.  (2) Das Bevölkerungswachstum des Menschen auf unserer begrenzten „Mutter Erde“ ist so stark geworden, dass eine globale Bevölkerungskontrolle zunehmend wichtiger wird. – Natürlich gibt es in Einzelfall eine große Zahl von Argumenten und Gründen für und gegen ein Kind: Vor vielen Jahren hat ein Kollege aufgrund unserer Diskussionen den Artikel „50 Gründe für und 50 Gründe gegen ein Kind“ geschrieben.
Nehmen wir also an, eine Frau hat entschieden – am besten im Einvernehmen mit ihrem Partner – schwanger zu werden und ein Kind zu bekommen (eine NÄHE-DAUER-Entscheidung). Was gilt es dann aufgrund unseres Werte-Management-Systems zu beachten?

(1) Stärkung der nützlichen „Kernkompetenzen“ für die anstehende Herausforderung: hier Weiterentwicklung der NÄHE-DAUER-Kompetenzen im Familiensystem für die Kinderaufzucht

Zunächst gilt es die Frage zu klären, welche zusätzlichen Bedürfnisse und Anforderungen müssen im zukünftig veränderten Familiensystem berücksichtigt werden? Als neue Herausforderung geht es um die Befriedigung des „Kindeswohls“: Jedes Kind braucht zum Überleben und Wachstum zunächst (Körperkontakt-)Nähe und verlässlich Bezugspersonen. Diese Bedürfnisse stehen in enger Wechselwirkung mit der Befriedigung des „Elternwohls“, also in erster Linie des Mutterwohls und in zweiter des Vaterwohls: Damit es dem Kind gut geht, muss es der Mutter und dem Vater und auch dem Ehepaarsystem gut gehen. Natürlich können auch alleinerziehende Mütter (und nach der Geburt auch alleinerziehende Väter) ihre Kinder erfolgreich groß ziehen; aber es zeigt sich regelmäßig, dass Einzelerziehende häufiger durch die Aufgabenvielfalt überlastet sind, als es für das Wohl von Kind und Elternteil gut ist.

Hier liegt also eine erste Aufgabe: Wie können sich beide Partner vertraut machen mit den Qualitäten und Herausforderungen dieser nun dominanter werdenden NÄHE-DAUER-Welt. Wir nennen diesen Bereich unserer Wertewelt auch „Ehe-Quadrant“: „…bis dass der Tod euch scheidet“. Vielleicht ist es nicht nötig, mit diesem extremen Nachhaltigkeitsanspruch an die neue Situation heran zu gehen, ein vernünftiger Zeitraum dürften die ersten fünf Jahre des kleinen Erdenbürgers sein, der ja als „physiologische Frühgeburt“ auf die Welt kommt. Dann steht er auf eigenen Beinen und kann sich schon in den elternunabhängigen sozialen Betreuungsräumen, wie Kindergärten und Vorschulen zurecht finden. Diese ersten fünf Jahre gilt es also mindestens im dreiseitigen Interesse zu gestalten. Die (zukünftigen) Eltern müssen also ihre Fähigkeiten zur Ehe und zum „Nestbau“ stärken und die (werdende) Mutter sollte eine positive Beziehung zur intimen Nähe mit dem werdendem Kind entwickeln – abhängig von „ihrem Blut“ (-Kreislauf). Hier gilt es neue soziale „NÄHE-“, aber auch „DAUER-Kompetenzen“ (z.B. Wie können Paarkonflikte trennungsfrei bewältigt werden?) zu entwickeln. Mutter und Vater tun gut daran, ihre mentale Einstellung und Sensibilität für den „Segen von Kindern“, ihre Freude an ihnen, in sich zu entwickeln und zu stärken. Hier hilft die Natur mit emotionalen Zuwendungs-Reflexen auf das typische „Kindchen-Schema“ des Babys und Kleinkindes und die sozialen Fürsorgereaktionen für das noch recht hilflose Baby wirken auf die Eltern meist stark sinnstiftend. Diese Nähe- und Bindungs-Gefühle werden durch entsprechende Hormonwirkungen (z.B. Oxytocin) während und nach der Schwangerschaft unterstützt. – Und der (werdende) Vater sollte die Herausforderung annehmen, sich frühzeitig in der NÄHE-„Stellvertreter-Rolle“ zu trainieren und gleichzeitig ggf. neue DISTANZ-Aufgaben (z.B. alleiniger „Ernährer“, neue „Beschützer“-Verhaltensweisen) zu übernehmen. Es gilt also neben der Entwicklung der Eltern-Rollen auch die Liebes-Partnerschafts-Rollen zu modifizieren und aufrecht zu erhalten. Das ist nur möglich über verstärkte kommunikative NÄHE-Muster und Rituale, die es zu vereinbaren gilt.

Auch wenn dieser Gesichtspunkt für viele moderne Paare keine so große Bedeutung mehr hat, soll er nicht unerwähnt bleiben: Mit der Entscheidung für ein Kind wird auch eine Entscheidung getroffen für die Fort-Dauer der eigenen Familien-Tradition, des eigenen „Stammbaumes“: Mein Kind wird mich überleben und trägt mein Erbe in die Zukunft. In meinen Kindern lebe ich teilweise fort. In diesem Gesichtspunkt spiegelt sich der sozial-kulturelle DAUER-Wert, den traditionelle Gesellschaften mit der Entscheidung für Nachkommen verbanden – auch mit dem Blick in die Zukunft, in Richtung WECHSEL.

(2) Nachhaltige Balancierung des Sozialsystems durch proaktive Berücksichtigung ihrer „komplementären Schattenwelt“: hier wesentlich der  DISTANZ-WECHSEL-Bereich

Insbesondere die werdende Mutter als Hauptbetroffene sollte sich bewusst werden über die Folgen dieser Verschiebung ihres Lebensmittelpunktes in Richtung NÄHE-DAUER: Die Aktivitäten in den anderen drei „Welten“, namentlich in der komplementären „Gegenwelt“ DISTANZ-WECHSEL, verringern sich nämlich entsprechend. Unser Modell legt nahe, dass entsprechende Wünsche und Sehnsüchte in diese Richtung, nämlich „Selbstwert-Steigerung und persönliches Wachstum“ wachsen und entsprechende Unzufriedenheiten zunehmen, wenn es der Mutter nicht gelingt, sich vollständig mit der NÄHE-DAUER-Welt zu identifizieren. Ein solches selbstvergessendes Eintauchen in diese Teilwelt, verbunden mit einem beglückenden Kohärenzgefühl dürfte für die Mehrheit der Frauen nur kurzzeitig möglich sein, ähnlich den Flow-Erfahrungen.  
Bei vielen Frauen schleicht sich ein Gefühl mangelnder Unabhängigkeit und Selbstbestimmung ein, als Folge unbefriedigter DISTANZ-WECHSEL-Bedürfnisse. Diese werden oft befriedigt über das Berufsfeld mit seinen Möglichkeiten der Leistungs-Anerkennung. Die eingeschränkten Wechselmöglichkeiten auf der Partnerebene und die  erlebte (finanzielle) Abhängigkeit vom Vater des Kindes wird oft als zusätzliche Einschränkung erlebt.

Unser Modell mit seinem Balance-Theorem legt nun für die Frauen als Hauptbetroffene und für das Familiensystem insgesamt nahe, dass diese „natürlicherweise“ reduzierten „Schatten“-Bereiche – hier wesentlich die DISTANZ-WECHSEL-Bedürfnisse – durch entsprechende Entscheidungen rechtzeitig systematisch gestärkt werden sollten.
Welche können das sein?
- die Frau sollte etwas für sich allein als Individuum tun (z.B. wieder ein Hobby pflegen oder entwickeln)
- nicht den Eigenanspruch entwickeln, vollständig in der Mutterrolle aufgehen wollen, um als „perfekte Mutter“ alle Bedürfnisse des Kindes zu erfüllen; das führt regelmäßig zu einem permanent schlechten Gewissen, diesem überhöhten Anspruch nicht gerecht zu werden
- die junge Mutter sollte nicht vergessen, dass sie nach wie vor auch als Ehepartnerin, Geliebte und Freundin aktiv und attraktiv sein kann
- dazu bedarf es meist einer Entlastung im Nähe-Bereich (Haushalt, Kinderbetreuung etc.); hier gilt es, frühzeitig für entsprechende Kontakte mit Babysittern, Au paire-Partnerschaften, Fahr- und Betreuungsgemeinschaften, zu den eigenen (Schwieger-)Eltern etc. zu sorgen
- sie sollte den Wert ihre „Schattenarbeit“ als Mutter auch finanziell mit ihrem Partner regeln, z.B. durch gleichberechtigte Zugriffsrechte auf ein gemeinsames Konto; damit kann das Gefühl der Abhängigkeit reduziert werden
- eine passende Rückkehr in den Beruf sollte vorbereitet und organisiert werden mit entsprechenden Stellvertretungsregelungen und Aufgaben-Delegationen und Vereinbarungen mit dem Partner, seine DISTANZ-Aufgaben (Beruf) zugunsten von NÄHE-Aktivitäten zeitweise zu reduzieren (z.B. durch Realisierung des Elternzeit-Anspruches und ggf. zeitweise Übernahme der Hausmann-Rolle)
- ……
- Diese und weitere Balance-Aktivitäten werden heute von immer mehr Paaren mit Gewinn für ihre Beziehung und ihr Kind erprobt und gelebt – auch ohne ein solches Werte-Management-System. Sie validieren es allerdings. Es könnte interessierte Paare mit Kinderwunsch anregen, schon rechtzeitig praktische Balanceschritte vorzusehen für eine befriedigende Partnerschaft mit Kind.

(3) Konzeptionelle Überlegungen:
     a) Entscheidungs-Optionen
Es ist nützlich, sich an dieser Stelle zudem bewusst zu machen, dass es zwei Haupt- Entscheidungen gibt, die es erlauben, Lebensschwerpunkte systematisch zu stärken – hier in Richtung NÄHE-DAUER – und einige Neben-Entscheidungsrichtungen:
a) positive Entscheidungen hin zum angestrebten Schwerpunkt (hier: NÄHE-DAUER,    z.B. „Wir heiraten“ – als  traditionelles NÄHE-DAUER-Ritual),
b) negative Entscheidungen weg vom Gegenpol (z.B. „Wir trennen uns bei Konflikten nicht…“  – als Anti-DISTANZ-WECHSEL-Entscheidung; günstig mit der Kopplung an eine a)-Entscheidung, z.B. „… und bemühen uns um Stärkung des Verbindenden und Verminderung des Trennenden, z.B. mit Hilfe von Paarberatung“),
c) eine mögliche Neben-Entscheidungsvariante soll die DAUER-Ausrichtung des Familiensystems stärken (z.B. „Wir schaffen uns eine Immobilie an“ – eine DAUER-DISTANZ-Entscheidung, die allerdings DISTANZ-Störungen in der NÄHE-DAUER-Welt erzeugen kann, wie „Dir ist Dein Hausbau wichtiger als Dein Kind!“),
d) ein weiterer Neben-Entscheidungstyp soll die NÄHE-Ausrichtung des Familiensystems stärken (z.B. „Wir bilden eine Wohngemeinschaft mit anderen Paaren mit kleinen Kindern“ – eine NÄHE-WECHSEL-Entscheidung, die allerdings WECHSEL-Störungen in die NÄHE-DAUER-Welt tragen kann, wie „Du findest wohl J… attraktiver als mich?!“).

     b) „Natürliche“ oder „kultürliche“ Steuerung sozialer Systeme?
Schon diese kurze und unvollständige Skizze zeigt, wie komplex sich das Paarsystem entfaltet, wenn es durch ein Kind bereichert wird.  Umso wichtiger erscheint es mir für ein werdendes Elternpaar, seine nahe Zukunft zu reflektieren und steuerbar zu gestalten und zu „managen“. Dafür fehlt es allerdings an überzeugenden Orientierungsmustern, Vorbildern und Praxis-Werkzeugen. Unser Werte-Management-System kann hierfür eine zusätzliche Grundlage bieten.
Der eine oder andere mag sich auch in seiner Überzeugung gestärkt sehen, dass die Natur in Form des Sex-Triebes ja ohnehin stärker ist als unser Verstand und dann die Betroffenen ihre Probleme ohnehin bewältigen müssen  – und das ja in der Regel auch nach bestem Wissen und Gewissen tun und die Natur nach besten Kräften mit intuitivem Wissen und der Liebe zu Partner und Kind hilft. – Die Scheidungsquoten sprechen eine andere Sprache.

Dennoch ist dieser Einwand sehr grundsätzlicher Natur. Er zielt auf die Grundüberzeugungen der Aufklärung, dass der Mensch nicht nur Naturwesen, sondern immer auch Kulturwesen ist und sich Kraft seiner Vernunft aus vielen Abhängigkeiten und Leiden befreien kann. Wir wissen heute, dass Kulturen, die diese naturhafte Überzeugung nicht abgelegt haben, „unterentwickelt“ geblieben sind. Der „glückliche Wilde“ dürfte dabei genauso ein Mythos sein, wie die „gute Mutter“ (siehe Herrad Schenk: „Wieviel Mutter braucht der Mensch?“ 1996). Und auch die folgende Feststellung wird durch viele Alltagserfahrungen bestätigt: „Liebe kommt, Liebe geht, Wissen bleibt“.

Selbstverständlich ist unser Werte-Management-Ansatz ein Produkt in der Tradition der Aufklärung, setzt auf die „Macht des Wissens“ und soll den „Weg zum Menschen“ unterstützen – immer im Bewusstsein der Erkenntnis des Verhaltensforschers und Nobelpreisträgers Konrad Lorenz: „Der Übergang vom Tier zum Menschen, das sind wir“.[attachment=130][attachment=130]
Prof. Dr. Bernd Fittkau, Hamburg

• Das „Werte- und Entwicklungs-Trapez“ (1)  als Werkzeug für wertbalancierte Einzelentscheidungen

• Grenzen des „Sozialen Raum-Zeit-Kontinuums“ als Werte-Modell
In meinen bisherigen Darstellungen zum (psychologisch begründeten) Werte-Management habe ich mich immer auf das zwei-dimensionale, vier-polige „Soziale Raum-Zeit-Kontinuum“ bezogen. In diesem Modell lassen sich nach meiner Einschätzung etwa 70% aller Entscheidungen wertorientiert abbilden (2). Wie jedes Modell reduziert und vereinfacht natürlich auch dieses die Realität: „Die Landkarte ist nicht das Land“. Zudem erscheint das vorgeschlagene Modell trotz seiner Einfachheit manchem als recht komplex und nicht immer eindeutig. Deshalb möchte ich für wertbalancierte Einzelentscheidungen als zusätzliches „Werkzeug“ das „Werte- und Entwicklungs-Trapez“ vorschlagen.

Siehe: Abb. 1 im Anhang: „Werte- und Entwicklungs-Trapez“

• Das „Werte-Trapez“
Schulz von Thun charakterisiert dieses „Werte-Werkzeug“ auf anschauliche Weise (1989, S. 38): „Die Prämisse lautet: Um den dialektisch strukturierten Daseinsforderungen zu entsprechen, kann jeder Wert (jede Tugend, jedes Leitprinzip, jedes Persönlichkeitsmerkmal) nur dann zu einer konstruktiven Wirkung gelangen, wenn er sich in … Balance … zu einem positiven Gegenwert, einer „Schwestertugend“, befindet. Ohne diese Balance verkommt ein Wert zu seiner „Entartungsform“ (Helwig) – oder sagen wir lieber: zu seiner entwertenden Übertreibung.
Nehmen wir ein einfaches Beispiel aus dem Bereich der bürgerlichen Tugenden (s. Bollnow, 1958): „Sparsamkeit“ verkommt ohne ihren positiven Gegenwert „Großzügigkeit“ zum „Geiz“, umgekehrt verkommt auch „Großzügigkeit“ ohne „Sparsamkeit“ zur „Verschwendung“. Die hierbei regelmäßig entstehenden vier Begriffe lassen sich …“ modellhaft zu einem „Werte-Trapez“ anordnen, wobei die beiden „Schwestertugenden“ oben und die entsprechenden einseitigen Übersteigerungen als „Unwerte“ unten angeordnet werden (siehe Abb. 1):
                                          
               +„Sparsamkeit“ __________________ +„Großzügigkeit“


   -„Geiz“ ------------------------------------------------------------ -„Verschwendung“

Dieses Werte-Pol-Beispiel lässt sich unserem zwei-dimensionalen Werte-Modell, dem  „Sozialen Raum-Zeit-Kontinuum“ relativ eindeutig zuordnen: „Sparsamkeit“ (und „Geiz“) sind Werte auf der DAUER-Dimension, während „Großzügigkeit“ (und „Verschwendung“) Werthaltungen hin zum WECHSEL-Pol repräsentieren.

• „Gegensätze“ und „komplementäre Gegenpole“
Dieses Werte-Trapez-Modell macht deutlich, dass es nützlich ist, zwischen sog. „Gegensätzen“ und „komplementären Gegenpolen“ zu unterscheiden, was wir in unserer westlichen Denktradition selten tun. Der Atomphysiker Nils Bohr weist in seinem Familienwappen auf diese Denkerweiterung hin, wenn er sagt: „Contraria sunt complementa“, und in einem anderem Zusammenhang erklärt er: „Das Gegenteil einer richtigen Behauptung ist eine falsche Behauptung. Aber das Gegenteil einer tiefen Wahrheit, kann wieder eine tiefe Wahrheit sein“.

Wenn es um Werte geht, haben wir es mit „tieferen Wahrheiten“ zu tun und tun gut daran, uns mit diesem dilemmata-haltigen, partiell widersprüchlich erscheinenden Denken anzufreunden. In der fernöstlichen Denktradition mit einem dynamischen „Yin-Yang“-Weltverständnis dürfte ein integrativerer Umgang mit Gegenläufigkeiten entsprechend leichter fallen. Gerade für die interkulturelle Verständigung ist ein wertorientiertes „Sowohl-als-auch“-Denken konstruktiver als unser westliches, technikorientierte „Entweder-Oder“-/ „Schwarz-Weiß“-/ „Richtig-Falsch“-Denken.

Das „Werte-Trapez“ erlaubt es, beiden Denktraditionen gerecht zu werden und den Unterschied zwischen (sich ausschließenden) „Gegensätzen“ und (sich ergänzenden) „komplementären Gegenpolen“ zu verdeutlichen:
➢ „Komplementäre Gegenpole“: „Sparsamkeit“ und „Großzügigkeit“
➢ „Konträre Gegensätze“: „Sparsamkeit“ vs. „Verschwendung“ und „Großzügigkeit“ vs. „Geiz“
➢ „Konfliktäre Gegensätze/-extreme“: „Geiz“ vs. „Verschwendung“.

• Konflikt- und Diversity-Management
Wenn sich zwei Parteien auf die Ebene der „konfliktären Gegensätze“ eskalativ verstiegen haben, wird es schwierig, wieder einen gemeinsamen Weg zu finden. Das dürfte ohne einen allparteilichen Vermittler nicht möglich sein. Ein konstruktiver Umgang mit Unterschieden ist nur möglich mit der gegenseitiger Toleranz und Akzeptanz für unterschiedliche Vorlieben und Lebensschwerpunkte, wenn ich diese Unterschiede mental und emotional auf einem „Kontinuum verbindbarer Gegenpole“ empfinde. Solange wir uns als Dialog-„Partner“ (und nicht als Konflikt-„Gegner“) verstehen, empfinden wir uns als Mitglieder einer gemeinsamen Kultur- und Werte-Gemeinschaft. Im Spannungsfall begegnen wir uns dann als Vertreter von „Gegenpolen“ (und nicht „Gegensätzen“) – und spüren, dass wir durch unsere Unterschiedlichkeit in der Gefahr sind, uns dorthin zu „polarisieren“. Gemeinschaftliche „Sowohl-als-auch“-/ und im günstigen Fall „Win-Win“-Lösungen erscheinen dann als erstrebenswert und praktisch möglich.

Definieren wir uns in „Gegensätzen“, so erleben wir uns entweder als „Gegner“ (bei „konträren Gegensätzen“) oder sogar als „Feinde“ (bei „konfliktären Gegensätzen“), und es droht immer eine distanz-verschärfende Eskalation. Einvernehmliche Lösungen ohne Außeneinfluss (auf der Macht- oder Vermittlungsebene) sind dann kaum möglich. (Für Meta-Theoretiker: Das „Werte-Trapez“ selbst bildet also modellhaft eine NÄHE-DISTANZ-Dynamik in sozialen Systemen ab: NÄHE-Pol = "die sich komplementär ergänzenden Schwester-Tugenden"; DISTANZ-Pol = "die eskalativ-entarteten Unwerte").

• Vom „Werte-  zum „Entwicklungs-Trapez“
Es liegt nahe, dass ein haltbares, „nach-haltiges“ Zusammenleben zwischen unterschiedlichen Menschen und Kulturen nur möglich ist, wenn wir uns – auf dem Hintergrund unseres Modelles – als einander „komplementär ergänzende Gegenpol-Partner“ verstehen (NÄHE-Perspektive). Die Frage ist im Bild unseres „Werte-Trapezes“: Wie gelangen wir von der konfliktträchtigen „Entartungs“-Ebene unseres Trapezes (DISTANZ-Perspektive) auf die kooperationsförderliche „Tugend“-Ebene? Gibt es systematische Entwicklungs-Schritte, auf die uns das Modell hinführt?

Die Entwicklungs-Richtung wird durch das Modell recht deutlich vorgezeichnet: Es geht um eine diagonale Aufwärtsbewegung … – in unserem Beispiel:
➢ Der „Geizige“ sollte sich in Richtung des „Tugend“-Gegensatzes bewegen: Persönliches Entwicklungs-Ziel „Großzügigkeit“
➢ Der „Verschwenderische“ sollte sich seinem persönlichkeitsspezifischen „Tugend“-Ziel annähern: „Sparsamkeit“.
So weit so gut. Sagt das Modell auch etwas über empfehlenswerte Entwicklungs-Schritte?
Ich glaube: „Ja“. Dazu ist es nützlich, sich einen wichtigen Aspekt der Psychodynamik der „Tugend-Entartung“ bzw. „Unwert-Entwicklung“ vor Augen zu führen. Wie wird ein „Sparsamer“ zu einem „Geizigen“ oder ein „Großzügiger“ zu einem „Verschwender“? Wenn wir nur das Strukturelle betrachten, dann wird hier offensichtlich eine wertvolle Haltungs- und Verhaltens-Qualität ("Tugend") einseitig übertrieben und zwanghaft zu einem alleinseligmachenden Handlungs-Prinzip erhoben: Es handelt sich also um eine „Zuviel-des-Guten“-Entwicklung durch Abkopplung vom balancierenden – und auch gleichzeitig dissonanz- und dilemma-erzeugenden Gegenpol (3).

Ein erster hilfreicher Schritt wird dadurch getan, dass über die Darstellung und Bewusstmachung mit Hilfe eines zutreffenden „Werte-Trapezes“ das als problematisch gesehene soziale „Unwert“-Muster („Geiz“ oder „Verschwendung“) in seinem „guten Tugend-Kern“ gewürdigt wird. Zweitens ist dann die keineswegs triviale Erkenntnis wichtig, dass durch ein „Zuviel-des-Guten“ eine problematische Vereinseitigung und Unbalance entstehen kann, die nicht mehr „gut“, sondern sogar als „schlecht“ erscheinen kann.

Es liegt dann nahe, dass es in den Folgeschritten darum gehen sollte, sich zum „Guten“ zurück zu bewegen. Dazu wird ein „Weniger“ des Extrem-Musters ("Geiz" bzw. "Verschwendung") nahe gelegt. Das wird am ehesten dadurch erreicht, dass man mehr von der Gegen-Tugend realisiert: Der „Geizige“ sollte sich in Verhaltensweisen der „Großzügigkeit“ einüben und der „Verschwenderische“ sollte durch praktische „Sparsamkeits“-Aktivitäten (wieder) zu einer wertvolleren inneren Balance finden. Und schließlich sollte jeder der Entwicklungskandidaten dieses Bemühen, „über den eigenen Schatten zu springen“, als persönlichen Entwicklungs- und Vervollkommnungs-Schritt an sich schätzen und würdigen lernen.  

• Beispiel für ein „NÄHE“-DISTANZ“-Werte-Trapez
Wieder greife ich gern auf Schulz von Thun zurück (1989, S. 46 f.): „…wenn wir uns an die Ausssage von Karl Jaspers erinnern, dass die Suche nach Wahrheit nur im zwischen-menschlichen Dialog erfolgen könne und ein gelungener Dialog wesensmäßig ein „liebender Kampf“ sei … – „Liebe“ steht dann für all das, was Gegensätze überwindet und miteinander aussöhnt: Das Akzeptieren und Geltenlassen des Mitmenschen auch und gerade in seiner Andersartigkeit; das Bemühen, sich einfühlend in seine Welt zu versetzen; der Mut, sich zu öffnen … Dies auf Verständnis und Versöhnlichkeit gerichtete Prinzip macht aber nur die eine Hälfte einer vollwertigen Beziehung aus. Hinzukommen muss das kämpferische Element: die Bereitschaft und die Fähigkeit, den Partner unter Umständen hart zu konfrontiere, Gegensätze und Konflikte mit ihm auszufechten … „Streiten verbindet“, allerdings nur im liebenden Kampf. Andernfalls droht jene ungebremste Eskalation von Kränkungen, die in blanken Hass und gegenseitiger Zerfleischung mündet. Während uns diese Gefahr aus Ehen, der Nachbarschaft, den politischen Gruppierungen wohlvertraut ist, scheint die Gegengefahr weniger als solche bekannt: zuviel Friedlichkeit und Höflichkeit ergibt „Friedhöflichkeit“ …“ .

                    + „Liebe“ ______________________ + „Kampf“


   -„Friedhöflichkeit“ -------------------------------------- -„feind-selige Zerfleischung“
                                                                                                           
• Zentrale These zur Nachhaltigkeit:
Nur „pol-balancierende“ Entscheidungs-Prozesse im „Sozialen-Raum-Zeit-Kontinuum“ führen zu nachhaltig überlebensfähigen Sozialsystemen!

Jeder trifft dauernd ganz unbewusst und unwillkürlich Entscheidungen – genauer: sein Organismus, meist im Sinne einer „gesunden“ Überlebenssicherung. Über diese Arten von Entscheidungen legen wir uns ethisch meist keine Rechenschaft ab. Dennoch: Wenn ich esse oder trinke kann kein anderer diese Nahrung für sein Überleben nutzen. Wir nehmen das als unser natürliches Recht ganz selbstverständlich in Anspruch. In Mangelsituationen wird hieraus ein Dilemma: Muss ich mein Essen nicht mit den Armen teilen? Wir bewegen uns hier im Raum eines der großen und allseits als „natürlich“ akzeptierten menschlichen Lebensmotive: dem individuellen „Eigennutz“ (mit der Biobasis des "egoistischen Gens"). Das zweite große Motiv, das der menschlichen Gattung zum Siegeszug in der Natur verhalf, ist das Gegenpol-Motiv, der soziale „Gemeinnutz“ (mit dem "Altruismus-Gen" im Hintergrund).
  
Den meisten verantwortlich denkenden Zeitgenossen ist klar: Die zentrale zwischenmenschliche und politische Herausforderung der Gegenwart und Zukunft besteht darin, diese beiden menschlichen Lebens-Pole global und lokal miteinander zu balancieren.

Das entsprechende Werte-Trapez (aus der Klasse des DISTANZ-NÄHE-Wertepoles) hat etwa folgende Form:

                     +„Eigennutz“ _____________ + „Gemeinnutz“


- Sozial Verantwortungs- --------------------------  - Eigenverantwortungshemmende loser Egoismus                                               „soziale Hängematten“-Mentalität  

Dazu ist es vor allem nötig, „Entartungs-Eskalationen“ in den politischen Steuerungssystemen (wie Kriege oder die jüngste Finanzkrise) zu vermeiden. Das kann am ehesten durch eskalations-hemmende Regularien in den Rahmenbedingungen der Systeme erfolgen. Eskalationshemmend wirken immer solche Regularien, die die wichtigen Werte-Pole balancieren. Solche Balance-Prozesse können durch Einzelentscheidungen zwar eingeleitet, aber nicht gesteuert werden, sondern nur durch ein Prozess-Steuerungs-Verfahren mit Hilfe polbalancierender Entscheidungs-Algorithmen. Einzelentscheidungen führen zu den bekannten und zurecht kritisierten „Rein-in-die Kartoffeln“-„Raus-aus-den-Kartoffeln“-Effekten.

Jede Ent-scheidung ist ein Trennungs-Akt und führt, wie der Name sagt, zu einer „Scheidung“ und Entkopplung vom Gegenpol und damit zumindest kurzfristig zu einer einseitigen Unbalance im betroffenen Sozialsystem zugunsten des Trennenden. Jede Entscheidung verstärkt also per se den DISTANZ-Pol in einem sozialen System. Und oft auch den WECHSEL-Pol, weil Ent-scheidungen zunächst einmal vom „Bestehenden“ (DAUER-Pol) trennen und dadurch verunsichern. Aus „balancetechnischen“ Gründen müsste also jeder bewussten Ent-scheidung, natürlich in besonderer Weise, wenn die Entscheidungsrichtung DISTANZ-stärkend und NÄHE-mindernd wirkt – ein bewusster NÄHE-Akt folgen – und oft auch ein DAUER-Akt.

Dass eine solche Empfehlung die Nachhaltigkeit sozialer Systeme fördern kann, zeigt die Tatsache, dass sich z.B. Paarbeziehungen dadurch stabilisieren lassen, dass die Partner regelmäßige NÄHE-Rituale (wie häufigere kurze Umarmungen, regelmäßige Beziehungsgespräche, Komplimente austauschen etc.) praktizieren. Das gleiche gilt für Arbeitsgruppen, die sich durch Regelkommunikations-Rituale konstruktiv entwickeln können.

Noch ein letztes Beispiel zur Unterstützung unserer zentralen Nachhaltigkeits-These: Viele Change-Prozesse (Pro-WECHSEL-Pol-Entscheidung) scheitern daran, dass vergessen oder bewusst darauf verzichtet wird, den DAUER-Pol balancierend zu würdigen und (kontraintuitiv) zu stärken (z.B. durch proaktive sicherheitsspendende Sozialpläne bei notwendigem Personalabbau).

Ein entsprechendes Werte-Trapez (aus der Klasse des WECHSEL-DAUER-Poles) für Unternehmens-Organisationen hat etwa folgende Form:

    + „Lernende Organisation“ __________ + „ Stabile Organisation …“

- „Adhococratie“ -------------------------------------  - „Planwirtsch.-bürokr. Idealtyp“

Ausführlicher: siehe Abb. 2 im Anhang: „Entwicklungs-Trapez für Organisationsformen“

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(1) Die von Helwig (1967) vorgestellte und von Schulz von Thun (1989) aufgegriffene Form bezeichnen die Autoren in der gewählten Darstellungsform als „Werte-Quadrat“ . Das Modell des „Trapezes“ scheint mir die adäquatere Modellvorstellung, da es die Distanz zwischen den beiden „entarteten“ Untugenden an seiner Basis größer darstellt als die „sich komplementär ergänzenden Schwestertugenden“ auf der darüber liegenden Parallele.
(2) Diese Grobeinschätzung leite ich aus den faktorenanalytischen Varianzschätzungen der ersten Hauptdimensionen des „semantischen Raumes“ (Osgood, Hofstätter) ab.
(3) Wer an dieser Stelle noch tiefer einsteigen möchte in die Analyse der strukturellen und individuellen Werte-„Entartung“, kann in folgende Richtung denken: Positiv bewertete Verhaltensweisen werden oft von der Umwelt belohnt und verstärkt. – Oder: Wir wissen, dass viele Menschen (kognitive) Dissonanzen vermeiden und gerne in sich einen Zustand „kognitiver Harmonie“ herstellen. Danach könnten Menschen mit einer starken Sehnsucht nach innerer Eindeutigkeit und Orientierung besonders anfällig sein für Werte-„Polarisierungen“. – Oder: Im „pubertären“ Wunsch nach eigener Identitätsfindung und Abgrenzung von der Elterngeneration kann man sich durch die Wahl des extremen Gegen-Wertes „protesthaft profilieren“. Oder: … ).
Prof. Dr. Bernd Fittkau

Entscheiden –
und nachhaltig richtig

Wesentliche Lebensentscheidungen fallen ganz automatisch, unwillkürlich und konservativ

Grundlegende Überlebensentscheidungen trifft unser Organismus dauernd ganz automa-tisch für unser Überleben und Wohlbefinden: Ob unser Herz schlagen soll, ob wir atmen sollen, ob wir unsere Körpertemperatur regulieren sollen, ob die geschluckten Speisen verdaut werden sollen, ob unser Immunsystem Krankheitserreger abwehren oder eine Verletzung geheilt werden soll, ob unser Stoffwechselsystem ständige logistische Hoch-leistungen vollbringen soll, ob wir beim Gehen den nächsten Schritt nach vorne setzen sollen etc. – diese Entscheidungen, die wir bewusst gar nicht adäquat treffen könnten, übernimmt unser Organismus ganz unwillkürlich. Die Weisheit unseres Organismus trifft also ständig höchst komplexe und koordinierte Entscheidungen. Und eine kluge willentli-che Entscheidung scheint zu lauten: Greife nur in Notfällen ein oder wenn dein Organis-mus aus dem Gleichgewicht geraten ist und dann zunächst nur mit dem Ziel „Hilfe zur Selbsthilfe“ anzubieten.
Eine andere große Gruppe von Entscheidungen wird ohne weiteres Bewusstsein der Entscheidungs-Kategorie „Alles bleibt wie es ist – es sei denn, wir werden zu Veränderungen gezwungen“ zugeschlagen: z.B. Bleibe ich in der Familie, in die ich hineingeboren wurde? Bleibe ich in dem Land, in der Wohnung, in der Schule, in dem Beruf, in der Arbeitsstelle, in der Partnerschaft, Freundschaft etc., wie sie sich sozial entwickelt haben? – Diese reaktive Entscheidungsstrategie bietet eine hohe Orientierungssicherheit und geht implizit davon aus, dass das, was ist bzw. war, sich in der Vergangenheit bewährt hat und auch für die Zukunft positiv, zumindest überlebenssichernd wirkt. Diese konservative Strategie wird von allen denen auch mehr oder minder bewusst unterstützt, die aus dem Bestehenden genügend persönliche Vorteile ableiten können und das Risiko von Verände-rungen scheuen, bis hin zur Lebenshaltung: „Lieber das bekannte Elend – da weiß ich wenigstens, woran ich bin –, als eine unsichere (und möglicherweise sogar bessere) Zukunft“.  Um also Entscheidungen proaktiv und zukunftsoffen treffen zu können, brauche ich einen gewissen Optimismus (z.B. positive Zukunftsvisionen, (Kindheits-)Träume), Glauben (z.B. „Jeder ist seines Glückes Schmied“) und positive Selbstwirksamkeits-Erfahrungen (z.B. aus dem Elternhaus), dass ich mein Schicksal zum besseren wenden kann.

Evolutionär bewährte Meta-Strategie der Entscheidung: „Der Natur entsprechen und tun, was zu tun ist“ wurde abgelöst durch die neuzeitliche, wissenschaftsfundierte „Fortschritts-Strategie“

Mit dieser (das Bestehende konservierende) Entscheidungsstrategie: „Der Natur entsprechen und tun, was zu tun ist“ hat die Menschheit bis heute überlebt. Mit seinem wachsenden technologischem Wissen hat sich der Mensch zunehmend Möglichkeiten erarbeitet, in die Naturprozesse einzugreifen und diese in seinem Sinne zu steuern. Das hat dazu beigetragen, dass der Mensch „fruchtbar sein und sich vermehren“ und sich „ die Erde Untertan machen“ konnte. Mit dieser „Fortschritts-Strategie“, die stark an materielles und energetisches Wachstum geknüpft ist, haben sich die westlichen Nationen eine – teilweise natur-abgekoppelte – Wohlstands- und Lebensqualität geschaffen, die weltweit Attraktion und Vorbildcharakter gewonnen hat. Nun befindet sich die Menschheit in einer Situation, in der droht, dass sie „den Wachstums-Geistern, die sie rief, nicht mehr Herr wird“. Denn in einem begrenzten System ist unbegrenztes Wachstum nicht möglich und die „Grenzen des Wachstums“  werden immer spürbarer.

Was also tun, wie zukünftig entscheiden? – „Nachhaltig!“

Die aktuellen ökologischen und finanzwirtschaftlichen Entwicklungen machen deutlich, dass wir weder mit naivem Wachstumsoptimismus (Motto: „Wird schon werden“) oder mit egoistisch-zynischer Motivation („Nach mir die Sintflut“) weiter machen können wie bisher, dass wir aber auch nicht „zurück zur Natur“ können. Mit welchen Entscheidungs-Strategien kann die Menschheit diese schwierige System-Übergangssituation von einem quantitativ unbalancierten, eskalationsgefährdetem Wachstums-Paradigma in eine balancierte, steuerbare, qualitative Wachstumslage meistern? Gibt es für diesen Übergang eine pragmatisch brauchbare Entscheidungsstrategie, an der sich Politiker, Wirtschaftsführer, aber auch jeder Privat-Entscheider orientieren kann?
Um die Entwicklung einer solchen Meta-Strategie für Entscheidungsprozesse geht es mir. Ein Kriterium für solche Entscheidungsprozesse ist in aller Munde: „Nachhaltigkeit“ – ein Begriff aus dem forstwirtschaftlich kultivierten Umgang mit der Natur. So sehr dieses Qualitätskriterium für Entscheidungen einleuchten mag, es ist immer „nur“ eine Prognose auf die Zukunft. Gibt es ein Kriteriensystem, das es erlaubt, die Nachhaltigkeits-Wahrscheinlichkeit von Entscheidungen zum Zeitpunkt der Entscheidung zu vergrößern? Eine These, die in diesem Zusammenhang in Diskussionen zu diesem Thema immer wieder genannt wird, unterstützt meine Überlegungen: Entscheidungen müssen „wertorientiert“ getroffen werden – und nicht primär nur geldwertbezogen. Das entspricht der Zielrichtung meines Ansatzes zum „Gesellschaftlichen Werte-Management“ (siehe meine Diskussionsbeiträge im http://www.forum-humanum.eu).

„ Entscheiden“ als gesellschaftliche Primär-Funktion von Managern und Organisationen

Durch die Öffnung von globalen Märkten, Individualisierung von Produkten und Dienstleistungen, Zunahme der Komplexität weltumfassender Kommunikation kommt es überall zu hohem Veränderungsdruck und der Notwendigkeit immer schnellerer Entscheidungen mit immer schwerer kalkulierbaren Konsequenzen. Kein Wunder, dass angesichts einer solchen Orientierungs-Verunsicherung viele Entscheider sich an für sie überschaubaren Kriterien orientieren – und das sind oft die eigenen geldwerten Vorteile. „Das Hemd ist einem halt näher als der Rock“ und „Geld regiert halt die Welt“. Diese Tendenz ist also menschlich nachvollziehbar. Wie wir schmerzlich erleben, führt eine solche Reduktion der Entscheidungs-Perspektiven auf egoistische und finanzwirtschaftliche Vorteile zu einer Eskalation von „Gier“ und einer Fixierung auf „Geld“ als Zentralwert des Lebens. Diese Trends nehmen zunehmend gemeinschaftszerstörerische Ausmaße an. Durch die Finanzkrise sind „nicht nur Billionenbeträge verloren gegangen, sondern auch das, was die Gesellschaft zusammenhält: Werte“ mahnt entsprechend die Bertelsmann-Stiftung jüngst an. Entscheider müssen sich bei ihren immer schneller zu treffenden Entscheidungen also wieder stärker an Kriterien orientieren, die einer humanen Gemeinschaft und jedem Einzelnen dienen – und nicht nur einer kleinen Gruppe von Entscheidern. – Wie kann dieser Spagat bewältigt werden, zwischen steigender Entscheidungs-Unsicherheit mit dem problematischen Lösungsversuch, alle Entscheidungen geldwert-reduziert zu treffen und den wachsenden Nachhaltigkeitsanforderungen?

Unsicherheit führt oft zu Tunnenblick-Entscheidungen

Wir wissen alle, dass Entscheidungsdruck unter steigenden Unsicherheitsbedingungen zu erhöhtem Stress führt. Da erscheint die Reduktion der Entscheidungskriterien auf den Geldwert als wünschenswerte Entlastung und erlaubt durch die Abbildung ins vertraute Zahlensystem den Eindruck von Objektivität bei der Priorisierung von Entscheidungs-Alternativen.
Stress erzeugt im Menschen eine physiologische Situation, die einem Überlebenskampf angemessen ist. Entscheidungen unter paradigmatischen Rahmenbedingungen des Kampfes folgen naturgemäß kurzsichtigen, emotionsgetriebenen, reduktionistische „Schwarz-weiß-Reaktions- und Denkmustern“  nach dem Motto „Ja oder Nein“, „Entweder-Oder“, „Sieg oder Niederlage“, „Fight or Flight“. Perspektiven-erweiternde, vermittelnde, allpar-teilich-übergreifende Denk- und Emotionsmuster, wie „Weder-Noch“, „Sowohl-als auch“, „Win-Win“, „Love it, leave it or change it“ geraten bei einer solchen emotionalen Grundsteuerung systematisch aus dem Blick.
In realen Kampfsituationen, z.B. in Kriegsgebieten, können solche aktionsorientierten Muster (wie „Hic Rhodus, hic salta!“) durchaus überlebenssichernd wirken. Seien wir uns aber bewusst, dass die Rahmenbedingungen für unternehmerische und politische Entscheidungen gottlob meist anderer Natur sind. Dennoch neigen, besonders männliche Manager im Stress dazu, Entscheidungssituationen „kriegerisch“ zu erleben und entsprechend emotional (testosteron-adrenalin-getrieben) zu deuten und zu dramatisieren. Ent-sprechende Metaphern leiten dann den Entscheidungsprozess, wie
• „In Gefahr und großer Not bringt der Mittelweg den Tod“ oder
• „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende“ oder
• „Der Mensch ist des Menschen Wolf“ oder „Das Leben ist ein Kampf“ etc.

Der Begriff und Akt der „Ent-Scheidung“ selbst hypnotisiert die Ent-scheider und macht sie „kurzsichtig“

Der Begriff und Akt der „Ent-scheidung“ selbst zieht uns „magisch“ an, in einen „kriegerischen“ Bewusstseinsraum einzutreten, zumindest lädt er dazu ein. Denn mit der Ent-scheidung trenne („scheide“) ich mich von etwas ehemals oder immer noch Wertvollem, das ich damit gleichzeitig „ent“sorge und für wertlos erkläre, worauf ich zukünftig verzichten oder was ich vernichten will (siehe Metapher „Ehe-scheidung“). Für diesen reduktionistischen Akt der „Entscheidung“ scheinen Männer von „ihrem Naturell“ her (z.B. „Basta“-Mentalität) besser ausgestattet als Frauen. Vermutlich einer der Gründe dafür, dass Männer der größte Risikofaktor auf der Welt sind.

Sich selbst erfüllende Prophezeiung

Solche Entscheidungen erzeugen und verstärken dann oft genau die Situation, aus der heraus sie vermeintlich getroffen wurden. Denn die von einer solchen Entscheidung Betroffenen erleben ja den Feindseligkeits- oder die Rivalitäts-Geist, aus der heraus sie getroffen wurde. Entsprechend fällt die Reaktion aus, die mich als Entscheider nun bestätigt in meinem Entscheidungsparadigma und mich in einen entsprechenden (Rivalitäts- und Geld-) Bann zieht. Damit nimmt das soziale Spiel seinen Lauf. Man spricht hier zurecht von „Sich-selbst-erfüllenden Prophezeiungen“, die entsprechende soziale „Teufelskreise“ auslösen und nicht selten zu wertevernichtenden „Pyrrhussiegen“ führen.
Deshalb werden professionelle Distanz und persönliche Gelassenheit immer wichtigere Kompetenzen für höhere Führungskräfte, denen es um nachhaltigen Erfolg geht.

Wir brauchen kooperations- und friedensstiftende Entscheidungsmuster

Um nachhaltig nutzbringende Entscheidungen zu treffen, erscheint es gut, wenn sich die Entscheider vor wichtigen Entscheidungen in einen kooperationsfreundlichen und Perspektiven erweiternden Bewusstseinsraum begeben und sich frei machen von Zwangsvorstellungen kurzfristiger Entscheidungs-Not. Damit in Not- und Krisensituationen schnell und richtig reagiert werden kann, sollten allerdings für alle vorhersehbaren Krisenszenari-en proaktiv und ohne Handlungsdruck realisierbare Krisenpläne erarbeitet und eingeübt werden – wie bei der Feuerwehr –, damit nicht in der Krisensituation aktionistisch über-reagiert werden muss (z.B. nach dem Motto: „Lieber eine falsche Entscheidung, als gar keine“).
Das setzt ein proaktives und nüchternes Denken und Handeln voraus, das sich in unseren Gesellschaften offensichtlich nur schwer durchsetzen lässt, nämlich nach dem Motto: „Vorbeugen ist besser als Heilen“. Die meisten Menschen fühlen sich, um bei der benutzten Metapher zu bleiben, nicht verantwortlich für die präventive Förderung ihrer Gesundheit durch Stärkung ihrer Abwehrkräfte, sondern nehmen Krankheiten als Schicksals gegeben hin und bemühen sich erst danach um Heilung. Frauen sind da selbstfürsorglicher als Männer und haben auch deshalb eine höhere Lebenserwartung. Männer haben hier einen besonderen Nachholbedarf und sind gleichzeitig besonders beratungsresistent gegen solche Lern- und Trainingsherausforderungen. Gleichzeitig bestimmen weltweit in hohem Maße die Männer durch ihre Entscheidungsmuster das Schicksal der Menschheit auf unserem Planeten. Frauen sollten also verstärkt Einfluss nehmen auf die Geschicke unserer Welt und, was direkter erreichbar ist, auf ihre Männer, wollen sie nicht, wie oft in der kriegerischen Geschichte der Menschheit, im Schatten ihrer sterbenden „Helden“ mit ins Verderben gerissen werden. – Die jüngste Finanzkrise hat übrigens nicht nur deutlich gemacht, wie verhängnisvoll die „männliche“ Finanzwirtschaft funktioniert, sondern auch, wie durch „weiblich-fürsorgliche“ Unterstützungs-Maßnahmen durch gigantische „Finanzspritzen“, die unseren normalen Gerechtigkeits- und Vergeltungsstandards deutlich entgegen stehen, eine weltweite Wirtschaftskrise mit unabsehbaren Folgen verhindert werden konnte. – Welche Haltungen sind für das Treffen nachhaltige Entscheidungen hilfreich?

„Professionelle Distanz“ und „persönliche Gelassenheit“ als gute Voraussetzungen für nachhaltige Entscheidungen

Sind solche Persönlichkeitsmerkmale lernbar? Ja, in Maßen und mit systematischem Training – besonders wenn es um „professionelle Distanz“ geht. Professionelle Distanz wird direkt gefördert durch die Einführung einer zusätzliche Distanz schaffenden Außenperspektive, z.B. durch hinzuziehen eines Beraters, dessen inhaltlicher Beitrag dafür uner-heblich ist. Er verkörpert nämlich allein durch seine Anwesenheit den Blick von außen auf das jeweilige System, eine Metaperspektive. Dadurch wird auch bei den parteilich betroffenen Insidern der Blick um diese Außenperspektive erweitert und sie können dann in der Regel die anstehenden Probleme eigenständig lösen, wobei der inhaltliche Zusatzinput durch den Berater oft nicht wesentlich ist. In diesem Sinne ist Beratung "Hilfe zur Selbsthilfe“.
Die Folge kann dann auch eine wachsende Gelassenheit sein. „Gelassenheit“ selbst ist stark mit den emotionalen Wurzeln des persönlichen Temperamentes verwoben. Durch regelmäßiges Entspannungstraining und mentales Selbsttraining lässt sich auch hier einwirken – aber eher theoretisch. Praktisch fehlt es meist an Zeit, Selbstdisziplin und Routinen.
Die Stärke persönlich gelassener Manager liegt m. E. darin, dass sie eine Situation länger offen halten und damit Platz für zusätzliche Gesichtpunkte und Alternativlösungen schaffen, als dynamische, „entscheidungsstarke“ Manager. – Wie kann nun ein Entscheidungsgremium (z.B. ein Vorstand) dafür sorgen, dass seine Entscheidungen nachhaltig tragfähiger werden? Meine These: Durch die Einbeziehung möglichst vieler menschlich wertvoller Perspektiven und Lösungsalternativen und ihre Balancierung.  

Die Evolution der Kooperation

Wir werden uns immer mehr bewusst, dass es nicht nur ein „egoistisches Gen“ gibt, das den Menschen treibt. Sondern gleichermaßen ein „altruistisches Gen“, das vermutlich in noch höherem Maße zum evolutionären Siegeszug des Menschen beigetragen hat. Denn nur durch die soziale Gemeinschaft konnten und können die Menschenkinder, die ja als „physiologische Frühgeburt“ auf die Welt kommen, überleben. In einer globalen Kommunikations- und Wirtschafts-Welt wird die Wirksamkeit dieses „altruistische Gen“ immer wichtiger, während das „Ego-Gen“ durch die Gefahr der Selbstvernichtung im atomare Patt an Bedeutung verliert.
Gene sind, wie wir wissen, ein Potential. Damit sie wirksam werden können, müs-sen sie „eingeschaltet“ werden. Welche Rahmenbedingungen begünstigen die Schaltung der „Altru-Gene“? Darüber wissen wir genug: Vertrauen, Oxytocin, Liebe, Gastfreundschaft, Win-Win-Haltungen etc. Spieltheoretische Untersuchun-gen legen nahe, dass ein kooperativ ausgerichtetes TIT FOR TAT- (Wie du mir, so ich dir-) Programm den besten Gesamtgewinn für ein soziales System liefert.

Wie kann die Schaltung der „Ego-Gene“ reduziert werden? Auch darüber wissen wir genug: Durch Reduktion der Bedrohungspotentiale und damit der Angst-Aggressions-Überlebenskampf-Spirale in den sozialen Systemen, z.B. durch sozia-le Sicherungssysteme gegen Not und existentielle Bedrohung. Neben dieser huma-nen Grenze „nach unten“, muss entsprechend nachgedacht werden über eine ver-nünftige Begrenzung der giergetriebenen Wachstumsdynamik „nach oben“.  Weil wir in einem gegrenzten System Erde leben, an dessen Grenzen wir immer häufiger stoßen. Und weil eine wachsende Kluft zwischen Armen und Reichen das gesell-schaftliche Aggressionspotential steigert. Solche Obergrenzen können durch Kopp-lung an passende Gemeinschafts-Werte definiert werden (z.B. kann das Höchstein-kommen in einem Unternehmen als das x-fache des Durchschnittseinkommens festgelegt werden, wobei x als „leistungsgerechter“ Faktor erscheinen sollte etc. Damit haben wir gleichzeitig zwei soziale Werte als verbindlich eingeführt: „Leistung“ und „Gerechtigkeit“).
Nachhaltige Entscheidungen müssen also mindestens diese beiden genetischen Grundlagen des Menschen balancieren: seinen Ego- und Altruismus. Jede einseiti-ge Entscheidung führt, wie die Geschichte zeigt, zu gewaltsamen Ausgleichs-Bewegungen. – Welche Dimensionen müssen für nachhaltige Entscheidungen zu-sätzlich berücksichtigt werden?

Bewährte mehrperspektivische Entscheidungs-Modelle

Bei der Strategieentwicklung von Unternehmen geht es immer um eine Balance von Außenkräften (Kunden, Wettbewerb etc.) und Innenkräften (Mitarbeiter, Pro-duktqualität etc.). Es werden oft sieben Faktoren genannt, die zu balancieren sind und in Vorständen durch entsprechende Positionen vertreten werden:
1. Kundenorientierung (Marketing & Vertrieb)
2. Human-Ressources-Orientierung (Personal)
3. Wettbewerbsorientierung (alle, insbesondere der CEO)
4. Prozessorientierung (Produktion & Logistik)
5. Qualitätsorientierung (Produktion & Logistik)
6. Innovationsorientierung (Forschung & Entwicklung)
7. Shareholder Value-Orientierung (Finanzen).
In diesem Wertesystem stecken offensichtlich mehr Perspektiven als die „Ego-Altru-Dimension“ – dazu später mehr. Ob das Unternehmen in der Lage ist, nach-haltig wirksame Entscheidungen zu treffen, hängt nach der hier vertretenen These davon ab, ob sich der Vorstand kooperativ als Team versteht und das Teamspiel beherrscht, also balancierte Win-win-win-win-…-Entscheidungen trifft oder ob sich die einzelnen Vorstände als rivalisierende Einzelkämpfer profilieren wollen und einseitigen Sieg-Niederlage-Entscheidungen vorziehen oder ob man sich kon-fliktvermeidend einseitig auf den Geldwert einigt, wie es offensichtlich in jüngster Zeit immer mehr Vorstände leben. Sie reduzieren damit den Sinn von Wirtschaft auf „Making money“, was zu einer Sinn- und Wertentleerung des Arbeitslebens führt und nicht nur Finanzkrisen, sondern auch gesellschaftliche Sinnkrisen nach sich zieht. Eine solche Entscheidungsstrategie kann also nicht zu nachhaltig tragfä-higen Lösungen führen.

Ein weiteres Mehrperspektiven-Modell: Zur Entwicklung kreativer Lösungen wur-den die drei Perspektiven, die Walt Disney zugeschrieben wurden („Träumer“, „Realist“, „Kritiker“) ergänzt zu einer „Sechs Denkhüte-Methode“ (von E. de Bo-no):
1. Analytisches Denken (Fakten, Anforderungen – „weißer Hut“)
2. Emotionales Denken (Gefühle, Empfindungen – „roter Hut“)
3. Kritisches Denken (Risikobetrachtung, Worst Case – „schwarzer“)
4. Optimistisches Denken (Chancen, Best Case – „gelber Hut“)
5. Kreatives Denken (Neue Ideen, originelle Ansätze – „grüner Hut“)
6. Integrierend-moderierendes Denken (Big Picture, Prozesse – „blauer Hut“).
Auch in diesem Modell werden wesentliche Perspektiven des menschlichen Geistes systematisch in eine kooperative Beziehung gebracht, um sich gegenseitig zu befruchten und zu haltbareren Lösungen zu kommen.

Das „Soziale Raum-Zeit-Kontinuum“ als integratives Wertemodell für nachhaltige Entscheidungen

In meinen Diskussionsbeiträgen bei http://www.forum-humanum.eu habe ich ausgeführt, warum ich dieses vierperspektivische Modell für geeignet halte, balancierte und damit nachhaltig tragfähige Entscheidungsprozesse zu gestalten. Zur Erinnerung noch einmal das Wertemodell (siehe Folie: „Das „Soziale Raum-Zeit-Kontinuum“ als interkultureller Werteraum“).




Obiges Modell legt nahe, dass Entscheidungen, die den Anspruch auf Nachhaltig-keit erheben, die im Modell betonten Werte-Perspektiven berücksichtigen und ba-lancieren sollten. Das Modell bietet also eine Art Checkliste, welche Aspekte ich bei Entscheidungen einbeziehen sollte:
1. die Altruismus- und Egoismus-Perspektive, als NÄHE-DISTANZ-Polarität (soziale Raum-Dimension) und
2. die soziale Zeit-Dimension, nach der das in der Vergangenheit Bewährte mit den innovativen Herausforderungen der Zukunft in Einklang zu bringen sind, als DAUER-WECHSEL-Polarität.

Die soziale „Raum-Dimension“
Es lassen sich mindestens folgende soziale Räume unterscheiden, die sich in ihrer Komplexität unterscheiden und in denen teilweise unterschiedliche soziale Regeln, Verhaltensmuster, Entscheidungs-Routinen und –Optionen gelten, die aber über einen gemeinsamen sozial-kulturellen Werteraum integrierbar sind:

- Individuum
- Paar, Familie
- Gruppe, Team
- Organisation, Unternehmen
- Gesellschaft, Nation, Staatengemeinschaft
- Globale ökologische Weltgemeinschaft
Die Schnittmengen und Wechselwirkung zwischen diesen Räumen sind  unter-schiedlich dicht. So beeinflussen alle anderen Räume mehr oder weniger stark meinen „individuellen Raum“, je nach dem, wie abhängig ich von ihnen bin. Ent-sprechend kann jede meiner Entscheidungen in die anderen Räume hinein wirken. Da die Lebenszufriedenheit der meisten Menschen – als wesentlicher Wert für „Nachhaltigkeit im individuellen Raum“ – von ihrer „inneren Balance“ abhängig ist, erscheint es nützlich, bei Veränderungen in anderen Räumen, die mich betref-fen, zu überprüfen, wie sich dadurch meine innere Balance verändert, um entspre-chend gegensteuern zu können.
Wenn ich also beruflich (in meinem „Organisations-Raum“) entschieden habe, eine neue Aufgabe zu übernehmen, die mir mehr Sitzfleisch abverlangt, so bin ich gut beraten, gleichzeitig eine balancierende Zusatzentscheidung zu treffen in Richtung „mehr Bewegung“, also z.B. mich im Fitness-Studio anzumelden oder im Firmen-hochhaus regelmäßig die Treppe nehmen oder mit der Familie zu joggen oder mit Freunden wieder mehr Fußball zu spielen etc. – Solche Neubalance-Zusatz-Entscheidungen werden seit einigen Jahren in Kursen zum Themenfeld „Work-Life-Balance“ vermittelt und gehören professionell in das Feld des „Selbstmana-gement“.
Was ich hier anbiete, ist also nichts Neues. Das Neue liegt in der umfassenderen wertbezogenen Systematik bei der Abschätzung von Entscheidungsfolgen und der Konsistenz des zugrundeliegenden Werte-Modells. Die Beschäftigung damit kann so zu einer einfacheren Orientierung, Denk-/Reflexionsschulung und der Bildung von Entscheidungs-Routinen in allen sozialen Feldern dienen, in denen ich verant-wortlich tätig bin. Ich kann also durch das hier vorgestellte „Werte-Management“ entscheidungsfähiger werden in unseren komplexer werdenden sozialen Systemen.
Eine wesentliche Herausforderung für nachhaltig zufriedenes Leben, ist die Balan-ce der eigenen Grundbedürfnisse – das zeigt die Psychotherapie-Forschung. Im folgenden möchte ich beispielhaft für den „individuellen Raum“ ein wissenschaft-lich gut begründetes Modell menschlicher Grundbedürfnisse bezogen auf das „So-ziale Raum-Zeit-Kontinuum“ anbieten (siehe Folie: „Nachhaltig erfolgreiches Be-dürfnis-Management-System“).



Das vorn im Beispiel angenommene organismische „Bedürfnis nach Bewegung“ taucht hier nicht auf, kann aber plausibel im WECHSEL-Bereich zwischen „Wach-stum-Selbstwirksamkeit“ und „Lustgewinn-Begeisterung“ angesiedelt werden.

Ich möchte noch ein Beispiel für einen weiteren sozialen Raum „Organisation, Un-ternehmen“ vorstellen, das in manchen Unternehmen mit Gewinn realisiert wird, um eine balancierte Unternehmens- oder Bereichssteuerung zu erleichtern: das Modell der Balanced ScoreCard. Auch dieses lässt sich relativ überzeugend im vorgeschlagenen „Sozialen Raum-Zeit-Kontinuum“ abbilden (siehe Folie: „Balanced ScoreCard“).




Die bisherigen Überlegungen legen nahe, dass bei jedem Problem, das einer nach-haltigen Lösung zugeführt werden soll, nicht nur eine Lösung zu entwickeln ist, sondern mindestens vier – für jeden Quadranten des Modells eine – für deren Um-setzung dann ein priorisierter Umsetzungsprozess beschlossen werden muss. Ent-scheidungen, die Anspruch auf Nachhaltigkeit erheben, können also keine Einzel-entscheidungen sein, sondern werden Entscheidungen für einen Entwicklungs- und Realisierungs-Prozess sein, also oft für die Durchführung eines Projektes.

Die soziale „Zeit-Dimension“
Hier kommt die „Zeit-Dimension“ ins Spiel. Denn nur auf der Zeitschiene ergibt sich eine balancierte Gesamtlösung mit Nachhaltigkeitsanspruch. Damit werden kurzfristige Einzelentscheidungen, die nach dem Sieg-Niederlage-Paradigma inter-pretiert werden können, abgelöst von einem längerfristig und auf vierfachen Ge-winn angelegten Entscheidungs-Prozess. „Nachhaltigkeit“ wird damit zu einem Wertkriterium auf der Sozialen Zeitachse in Richtung WECHSEL, der durch Be-rücksichtigung des Bewährten aus der Vergangenheit eine prozessuale DAUER-Qualität gewinnt, eben „Nachhaltigkeit“. – In diesem Zusammenhang mag es in-teressant erscheinen, dass gerade für den Bereich individueller Entscheidungen ein Buch erschienen ist mit dem Titel „10 Minuten 10 Monate 10 Jahre – Die neue Zauberformel für intelligente Lebensentscheidungen“ (S. Welch 2009). Die Autorin empfiehlt ihren Lesern, sich bei jeder wichtigen Entscheidung folgende drei Fragen zu beantworten: „Was sind die Konsequenzen in 10 Minuten? …in 10 Monaten? …und in 10 Jahren?“. Durch die entsprechende Antwortsuche werden sowohl unsere emotionalen als auch unsere kognitiven Lebenserfahrungen aktiviert. Kompetenzen, die Science Fiction-Autoren, Zukunftsforscher, Wahrsager oder Propheten realisieren, können auch wir für unser Leben nutzen: Natürlich ist die Zukunft nicht exakt voraussagbar, aber wir wissen, dass Naturphänomene einen hohen Nachhaltigkeitswert haben und entsprechend gut prognostizierbar sind – dieses Wissen können auch wir für unser Leben nutzen.

Verantwortung übernehmen für die Kluft zwischen „emotionaler und kognitiver Zeit“
Zum Schluss noch ein paar aktuelle Zitate zu unserem Problemfeld „Gesellschaft-liches Werte-Management“ – auch als Anregung zum weiterdenken und –lesen:
• „Wir leben in einer Zeit der Ungleichzeitigkeit: Während wir technologisch im 21. Jahrhundert stehen, sind unsere Weltbilder noch von Jahrtausende alten Legen-den geprägt. Diese Kombination von höchstem technischen Know-how und naiv-stem Kinderglauben könnte auf Dauer fatale Konsequenzen haben. Wir verhalten uns wie Fünfjährige, denen die Verantwortung über einen Jumbojet übertragen wurde“ (Schmidt-Salomon 2006, 7; „Manifest des evolutionären Humanismus“).
• „Nehmen wir einmal an, dass die naturalistische Wende im Menschenbild (… mit der Entzauberung des Selbst durch die Neurowissenschaften) unwiderruflich ist und sich eine starke Version des Materialismus entwickeln wird. … Dann wäre ein Selbst einfach ein selbstorganisierendes und selbsterhaltendes (biologisches Infor-mationsverarbeitungs-) System, das sich auf der Ebene der globalen Verfügbarkeit noch einmal für sich selbst darstellen kann … sich in einem bewussten Ego-Tunnel widerspiegelt … Ich bin mir sicher, dass eine philosophisch motivierte Neuroan-thropologie im Verlaufe dieses Jahrhunderts zu einem der wichtigsten Forschungs-gebiete werden wird. … Vor allem muss sie uns ein Fundament liefern und eine rationale Basis für normative Entscheidungen schaffen – Entscheidungen darüber, wie wir in Zukunft sein wollen.… weshalb wir einen neuen Zweig der angewandten Ethik brauchen – ich nenne ihn provisorisch „Bewusstseinsethik“ (Metzinger 2009; „Der Ego-Tunnel“).
• „Regieren bedeutet auch, scheinbar Unvereinbares zu versöhnen. Ich hatte das schon öfter in meinem politischen Leben zu bewältigen“ (A. Merkel 2010 in einem Zeitungs-Interview).
Es gilt also, Methoden und Qualitäten von Entscheidungen zu entwickeln und zu sichern, die der Verantwortung für das 21. Jahrhundert und die Zukunft unserer Kinder entsprechen.

Workshop „Gesellschaftliches Werte-Management“
In meinem Workshop auf der nächsten forum humanum-Konferenz am 26.02.2010 sollen für die verschiedenen sozialen Räume Konkretisierungen erarbeitet werden.
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